Trumps Demokratieabbau, Putins Krieg und populistische Wahlsieger in Europa: Angesichts der aktuellen Weltlage haben Themen wie Klimaschutz, Sozialstandards und Ethik einen schweren Stand. Das gilt auch in der Finanzbranche. Doch gleichzeitig kann die Krise eine Gelegenheit sein, das eigene Profil zu schärfen. Das zeigte der Jahreskongress der Europäischen Föderation der ethischen und alternativen Banken (FEBEA), der am 2. Oktober in Thun stattfand. Gastgeberin und Organisatorin der Tagung war die Alternative Bank Schweiz. Nicole Bardet räumte im Namen der ABS und als Vorstandsmitglied der FEBEA ein, es sei zwar erfreulich, dass sich ESG (Environmental, Social and Governance) auf EU-Ebene durchsetze. Doch neue Regulatorien orientierten sich meistens am kleinsten gemeinsamen Nenner. Die ABS und andere ethische Banken hingegen streben nicht möglichst hohe Gewinne unter dem ESG-Siegel an, sondern möchten bessere und damit strengere Anforderungen.
«Menschenrechte sind nicht verhandelbar»
In seiner Begrüssungsrede betonte FEBEA-Präsident Pedro M. Sasia Santos, die aktuelle Militarisierung ignoriere, dass die Bedrohung unserer Lebensgrundlagen keine rein militärische sei. Vielmehr habe auch der Klimawandel drastische Folgen für unsere Zukunft. Eine andere globale Herausforderung sei die soziale Ungleichheit. Dieser wollen die 33 Banken, Stiftungen und Finanzeinrichtungen aus 17 europäischen Ländern, die in der FEBEA organisiert sind, entgegenwirken, so Pedro M. Sasia Santos weiter. Trotz starkem Gegenwind aus der Politik habe der nachhaltige Finanzsektor gezeigt, dass er profitabel, resilient und vital sei. «Wir dürfen uns dem aktuellen Backlash nicht beugen, sondern müssen im Gegenteil zeigen, was die Alternativen sind», rief der FEBEA-Präsident die 150 Anwesenden auf. Menschenrechte und Inklusion gerade auch der verletzlichen Gesellschaftsteile seien Gebote der Stunde. Die ethischen Banken hätten dabei mit ihrer Kreditvergabepolitik eine wichtige Scharnierfunktion zwischen Wirtschaft und Gesellschaft.
Die Megatrends sind relativ
Wie verwirrend die aktuelle Situation ist, zeigte Roger Spindler vom Thinktank Zukunftsinstitut. Er skizzierte die verschiedenen Megatrends – relativierte sie aber teilweise auch mit dem Hinweis, dass jeder Trend einen Gegentrend auslöse und viele Entwicklungen ihren Zenit schon erreicht hätten. Die Individualisierung etwa scheint sich totgelaufen zu haben. Hingegen erhält die «We-Culture» Auftrieb, also das gemeinsame Erleben und die Suche nach einer gemeinsamen Lösung. Auch die Globalisierung ist kein unantastbares Mantra mehr. Vielmehr wird die Entwicklung auf die örtlichen Gegebenheiten heruntergebrochen, was zur «Glokalisierung» führt, einem Kunstwort aus Globalisierung und Lokalisierung. Für das ethische Finanzwesen könnte das bedeuten, dass soziale Werte wieder höher gewichtet werden und die Finanzierung der örtlichen Realwirtschaft mehr zählt als der fiktive Buchgewinn an der Börse.
Ethik bleibt gefragt
Marek Hudon, Vorsitzender der Nichtregierungsorganisation Finance Watch, blickte ein paar Jahre zurück, als Ethik im Finanzwesen noch zum guten Ton gehörte. «Wir meinten damals, wir hätten gewonnen», fasste er die damalige Euphorie des ethischen Bankings zusammen. Doch nicht nur die kriegerischen und politischen Turbulenzen der letzten Jahre haben der Nachhaltigkeit einen jähen Dämpfer verpasst. Auch das Lobbying in den Schaltzentralen Brüssels leistet seinen Beitrag dazu: Wenn im Banking ein neuer Standard eingeführt werden solle, seien die grössten Akteure an vorderster Front dabei, um die Regulierung nach ihrem Gusto zu modellieren, sagte Hudon. Die Banken seien mit rund dreissig professionellen Lobbyisten in Brüssel präsent, die sozial-ökologische Seite, repräsentiert von Verbänden wie Finance Watch oder FEBEA, hingegen nur mit je einem.
Trotzdem ist der Wirtschaftsprofessor optimistisch. In einer eben publizierten Studie weist Hudon nach, dass in der Bevölkerung ein grosses Misstrauen gegenüber konventionellen Banken besteht. Wer sein Geld hingegen zu einer ethischen Bank trage, tue dies hauptsächlich aus Überzeugung und weniger aus finanziellen Motiven. Und wer Anlagen bei alternativen Finanzinstituten erwerbe, dem gehe es nicht in erster Linie um seine gesellschaftliche Reputation, sondern um Ökologie oder Ethik. «Verwässern konventionelle Banken ihre nachhaltige Anlagepolitik, suchen die Anlegerinnen und Anleger Alternativen – also uns», schlussfolgerte Hudon. Um die Aufnahme dieser Kundinnen und Kunden zu erleichtern, sei es wertvoll, Allianzen zu schmieden, beispielsweise mit Konsumentenverbänden, die dem ethischen Banking nahestünden.
Kooperation innerhalb der FEBEA stärken
Der Aufruf, sich enger zu vernetzen und damit das nachhaltige Banking zu stärken, könnte in ganz praktische Projekte münden. Vorschläge für solche entwickelten die Teilnehmenden des Kongresses im Rahmen eines World-Cafés. Ein Vorschlag war beispielsweise, einen gemeinsamen europäischen Fonds zu schaffen, um flexibel auf dringende Kreditnachfragen zu reagieren. Und um als Arbeitgeber attraktiv zu bleiben, kam die Idee auf, jungen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern nach der Ausbildung ein Praxisjahr bei einer ausländischen Partnerbank zu vermitteln – ein Austausch mit Lerneffekt, der langfristig auch dem eigenen Finanzinstitut zugutekommt.


