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17.06.2026 von Pieter Poldervaart

Massgeschreinert in der Schweiz

Die Schweizer Möbelindustrie ist in den letzten zwei Jahrzehnten stark unter Druck geraten. Dass ­Firmen weiterhin mit einheimischer Produktion und rückverfolgbarem Rohstoff punkten können, zeigt die Winterthurer Möbelmanufaktur ­Reseda. Dank einem Kredit der Alternativen Bank Schweiz übernimmt sie seit drei Jahren auch die Vorbe­reitung des Brettholzes selbst.


Beitrag der ABS
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Foto: Peter Hauser
Reseda-Showroom in Winterthur.

Reseda ist ein bis zu 60 Zentimeter hohes, schmalwachsendes Kraut, das schon vor Jahrhunderten zum Färben von Textilien benutzt wurde. Die Pflanze wurde zur Namensgeberin für das Resedagrün, mit dem nach dem Zweiten Weltkrieg traditionell Maschinen und Werkzeuge wie Fräse und Hobel lackiert wurden. Der Name passt deshalb ideal für die Reseda AG, eine Möbelmanufaktur, die auf natürlich behandeltes Massivholz setzt. 
Ihr Hauptsitz befindet sich im Winterthurer Quartier Neuhegi, der Schriftzug steht in Resedagrün auf der Metallfassade des Industriebaus. Vor der Eingangsschwelle hat der Wind eine feine Spur aus Holzmehl gelegt. Drinnen empfängt einen der Geruch von Holz und Leinöl, dem einzigen Mittel, mit dem Reseda die Oberflächen behandelt. Willkommen in einem Betrieb, den es nach strenger Markt­logik hierzulande eigentlich gar nicht mehr geben ­dürfte.
Denn die Schweizer Möbelindustrie hat dem Druck von Importware nur wenig entgegenzusetzen. Während im Billigsegment der schwedische Platzhirsch dominiert, verkaufte 2019 die Migros den Händler Interio an die ­österreichische Kette XXXLutz, die sich im gleichen Jahr auch das Traditionshaus Möbel Pfister schnappte. Bereits 2003 war die Linth Möbel AG mit 100 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern Konkurs gegangen, der elterliche Betrieb des Reseda-Geschäftsleiters Andreas Niederer. Während Jahrzehnten hatte die Firma im sankt-gallischen Kaltbrunn Massivmöbel gefertigt und zuletzt in neun eigenen Läden in der ganzen Schweiz direkt vertrieben. 


«Wir produzieren nichts, wofür keine Bestellung vorliegt.»

Andreas Niederer


Ein Sofa nach Mass
Andreas Niederer hatte in der Kindheit zwar den Duft von frisch gesägtem Holz geschnuppert. Aber als junger Erwachsener absolvierte er nicht etwa eine Schreiner­lehre, sondern studierte Philosophie. «Erst im Gespräch mit meinem Vater gleich nach dem Konkurs entstand die Idee, es nochmals zu probieren: wieder mit Massivmöbeln aus Holz, dessen Herkunft wir kennen, mit ­modernem Design, Langlebigkeit und Direktverkauf», umschreibt Niederer den Start der Firma. Er und sein ­Vater überzeugten einige ehemalige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, beim neuen Projekt mitzutun; zwei von ihnen sind bis heute im Team. 2006 eröffnete der erste Stadtladen im Zürcher Lochergut, zu dem sich 2020 ein zweiter Standort beim Hauptbahnhof Zürich gesellte.
Wer ein Reseda-Möbel kaufen will, braucht etwas ­Geduld. «Wir produzieren nichts, wofür keine Bestellung vorliegt», erklärt Niederer. So erhält jede Kundin, jeder Kunde ein Unikat: Wer online oder nach einem ­persönlichen Beratungsgespräch ein Sofa – die Polster aus dem gewünschten Stoff fertigt ein Traditionsbetrieb im Aargau an – oder einen Tisch auswählt, kann bei der Höhe der Sofabeine oder der Länge des Tischblatts entscheiden, ob die Standardmasse passen oder ein paar Zentimeter dazukommen sollen. Und bis zu acht Holzarten stehen zur Auswahl, wobei dunkle Kirsche auch aus Kanada stammen kann.
Holz aus Übersee für ein nachhaltiges Möbelstück? «Wir möchten zwar möglichst Holz verarbeiten, das in der Schweiz oder in unseren Nachbarländern gewachsen ist», sagt der Geschäftsleiter. Doch obwohl Regionalität bei der umweltbewussten Reseda-Kundschaft ein wichtiges Kriterium ist, die Ästhetik ist es eben auch. Und hier vermag Schweizer Holz nicht immer mitzuhalten, erklärt der 47-Jährige. Das einheimische Holz hat oft eine etwas andere Farbgebung und einen un­regelmässigeren Wuchs als jenes aus dem Ausland. Die grosse Herausforderung ist es daher, das Publikum schrittweise an diese lokal gewachsene Ästhetik her­anzuführen. So hat das Reseda-Team beispielsweise eine «Wildesche» ins Sortiment eingeführt, die zeigt, dass Esche nebst dem bekannten hellen und ruhigen Holz auch ein sehr wildes Erscheinungsbild haben kann.

Eigene Vorstufe verbessert die Qualität
Die Vorstufe zur Schreinerei in Winterthur ist die ­Zuschneiderei, in die Reseda 2023 im nahen Flurlingen investierte. Hier wird Rohholz – aufgeschnittene, ­getrocknete Stämme – zu Massivholzplatten für die Weiterverarbeitung in der Schreinerei verarbeitet. Dieser ­Arbeitsschritt verbessert die Kontrolle über die Holzherkunft. «Zudem ist seither die Qualität unserer Möbel nochmals deutlich gestiegen», freut sich Niederer. Das Holz wird einer von vier Qualitätsstufen zugewiesen, ­sodass zum Beispiel Material mit einer besonders schönen Maserung als Deckblatt für ein Sideboard bestimmt wird, während ein anderes mit deutlicher Astung im Boden, den man kaum sieht, verarbeitet wird. Dann gelangen die beschrifteten Stücke – jedes einzelne Brett erhält eine Nummer – ins 30 Kilometer entfernte Winterthur. Dort werden in einer Mischung aus Maschinen- und Handarbeit die Möbel gefräst, teilweise verleimt und in einem zweiten Arbeitsschritt mit Leinöl behandelt. Diese offenporige, natürliche Möbeloberfläche ermöglicht es, das Möbel unkompliziert zu pflegen und auch bei intensiver Nutzung schön zu halten. Auch die Logistik ­erledigt Reseda selbst: Im eigenen Kleinlaster, abfallfrei verpackt in Wolldecken, werden die Unikate in ihr ­neues Zuhause transportiert.

Foto: Peter Hauser

Konzentration aufs Wesentliche
Die Investition in die Zuschneiderei machte neben einem Crowdfunding ein Kredit der ABS möglich, «einer Bank, mit der wir viele Werte teilen», so Niederer: «Wie der ABS ist auch für uns Nachhaltigkeit ein zentrales Anliegen.» Das zeige sich, indem man die Holzherkunft möglichst gut im Griff haben will und auf lösemittelhaltige Leime verzichtet, vor allem aber auch im Bekenntnis zur Langlebigkeit. Dazu passen die langjährige Garantie und der Auffrischservice, über den man den jahrelang beanspruchten Tisch abholen und professionell ver­jüngen lassen kann. 
Reseda kommt auch bei den Schreinerinnen und Schreinern gut an: «Massivholzmöbel anzufertigen, ist für viele Berufsleute das, was sie am liebsten tun, ­andernorts aber kaum noch praktizieren können», sagt Niederer. Zur hohen Firmentreue dürfte auch der ­kollegiale Umgang beitragen. So ist es am Hauptsitz zum Beispiel üblich, dass abwechslungsweise ein Teammitglied das gemeinsame Mittagessen zubereitet, das dann im Pausenraum serviert wird – natürlich auf selbst geschreinerten Tischen.
Um die Fixkosten etwa der Zuschneiderei zu decken, ist eine sanfte Expansion aus dem Zürcher Grossraum hinaus nötig. So wagte Reseda an Ostern 2026 den Schritt nach Bern, wo sie im «Kaiserhaus», einer seit 2019 umgebauten Liegenschaft der Schweizerischen ­Nationalbank, einen Teil ihrer Massivholzmöbel präsentiert. Reseda ist dort in guter Gesellschaft mit anderen Manufakturen und beweist, dass Handwerk und qualitativ hochwertige Konsumgüter auch in der Schweiz eine Zukunft haben können.

Mehr Informationen: reseda.ch

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