Sie treten nach neun Jahren aus dem Verwaltungsrat der ABS zurück. Was ist der Grund?
Gerhard Andrey: Der Entscheid, mich nicht ein weiteres Mal für die Wahl zur Verfügung zu stellen, fiel mir nicht leicht. Denn die ABS ist als Unternehmen absolut einzigartig. Aber seit zwei Jahren habe ich vermehrt Mühe, mein Nationalratsmandat organisatorisch mit der Aufgabe als Verwaltungsrat zu koordinieren. In Bundesbern bin ich Mitglied der sicherheitspolitischen und der finanzpolitischen Kommission. Die Arbeit in diesen Kommissionen ist wegen der Dauerkrisen derzeit besonders aufwendig.
Wo haben Sie sich eingebracht?
Als Mitgründer der Digitalagentur Liip versuchte ich, die digitale Transformation der ABS voranzubringen. Zudem konnte ich bei der Einführung der Soziokratie meine Erfahrung einbringen. Bei meiner Firma praktizieren wir seit langem sehr konsequent die Holokratie – ebenfalls ein soziokratisches Organisationsmodell. Diese neuen partizipativen Organisationsformen bergen grosse Vorteile, aber ich sehe das undogmatisch. Sie sollen in erster Linie den Menschen dienen und die Arbeit angenehmer und besser machen.
Haben Sie auch von der ABS gelernt?
Definitiv. Als Nichtbanker, der am Finanzmarkt stark interessiert ist, konnte ich von der ABS sehr viel lernen. Als ich 2019 in den Nationalrat gewählt wurde, profitierte ich dort enorm davon. Als Bank-Verwaltungsratsmitglied konnte ich in der Finanzmarktregulierung glaubwürdig mitdiskutieren. Das half auch in der Öffentlichkeit. Im Gegenzug konnte ich Erfahrungen aus dem Politikbetrieb zurück ins Leitungsgremium der ABS tragen.
Wie hat sich die ABS in den vergangenen neun Jahren verändert?
Als ich in den Verwaltungsrat eintrat, herrschte die Niedrigzinsphase; die ABS hatte am 1. Januar 2016 als erste Schweizer Bank den Negativzins eingeführt. Gleichzeitig entwickelte sich nachhaltiges Banking zum Mainstream. Heute erleben wir in Sachen Nachhaltigkeit einen Backlash und müssen wieder stärker argumentieren, warum diese Art, zu geschäften, Sinn macht. Der Abgesang auf die Ökologie ist allerdings teilweise auch ein Medienhype. Mich erstaunt deshalb nicht, dass die ABS nach wie vor einen stetigen Zuwachs von Neukundinnen und Neukunden verzeichnet.
Aktuell engagieren Sie sich in der Finanzplatz-Initiative. Warum braucht es dieses Volksbegehren?
In einer Motion, die von links bis rechts unterstützt wurde, verlangte ich, dass die Finanzbranche den Weg zur Erreichung der Klimaziele zwar selbst bestimmen soll, aber Sanktionen drohen, wenn sie vom Pfad abkommt. Sogar der Bundesrat empfahl diesen typisch schweizerischen Regulierungsansatz zur Annahme. Wegen des Widerstands der Bankiervereinigung scheiterte das Anliegen aber in den Räten. Das war für mich der Beweis, dass die Branche keine Verantwortung übernehmen will und es den Druck der Bevölkerung braucht, damit die Finanzindustrie beim Klimaschutz vorwärtsmacht. Die Initiative umfasst auch Vorgaben zum Erhalt der Biodiversität, einem Thema, das im Finanzmarkt noch viel zu wenig präsent ist.
Was wünschen Sie der ABS für die Zukunft?
Die ABS geniesst einen hervorragenden Ruf in der breiten Öffentlichkeit. Für eine doch ziemlich kleine Bank ist das aussergewöhnlich. Ein wichtiger Grund dafür ist, dass die ABS ihre Arbeit konsequent und transparent an der Realwirtschaft orientiert. Die so erarbeitete Glaubwürdigkeit hilft, die Herausforderungen der Zukunft anzugehen: Der Verlust an Biodiversität nimmt an Dringlichkeit zu, das Thema Suffizienz ist noch kaum auf dem Radar. Gerade als Partnerin der lokalen KMU kann die Bank in diesen Themen eine Vorzeigerolle einnehmen. Und wie damals, als sie gegründet wurde, wieder als wichtige Pionierin agieren – anders als andere.

