Wer Bananen, Kaffee, Schokolade oder andere Lebensmittel aus dem Weltsüden mit dem Fairtrade-Label kauft, bezahlt einen etwas höheren Preis und ermöglicht damit den Bäuerinnen und Bauern im Ursprungsland ein existenzsicherndes Einkommen. Die Rechnung geht allerdings nur auf, wenn die Produzentinnen und Produzenten einen möglichst hohen Anteil der Ernte über den Fairtrade-Kanal absetzen können. Häufig erhalten sie jedoch nur für einen oder zwei Drittel ihrer Produktion die Fairtrade-Prämie, der Rest wird konventionell verkauft. Ein Grund dafür ist die Verzögerung beim Verkauf der Ernte. Die Kooperativen, denen eine Kaffeebäuerin in den meisten Fällen angeschlossen ist, nimmt zwar die erntefrischen Kaffeebohnen entgegen. Diese werden anschliessend aber noch sortiert und gereinigt, verpackt und verschifft. Dazu kommen zeitaufwendige Qualitätsanalysen. «Die Kaffeehändler aus Europa und den USA bezahlen den Rohkaffee erst, wenn er im Containerschiff unterwegs ist. Ab der Ernte kann das mehrere Monate dauern», erklärt Marie-Noëlle Jerschke, Partnerin bei FairCapital SA. Und so lange muss die Bäuerin häufig auf ihre Bezahlung warten. Während dieser Zeit fehlen ihr die finanziellen Mittel, um den Lebensunterhalt zu bestreiten, aber auch, um Technik oder neue Setzlinge anzuschaffen. Der Klimawandel verschärft das Problem, weil er den Wechsel zu neuen Nutzpflanzensorten, die Einführung von Agroforstwirtschaft, die Diversifizierung der Anbaukulturen oder Investitionen in Bewässerungssysteme erzwingt. Darum wird ein Teil der Ernte zu tieferen Preisen und ohne Label an den konventionellen Zwischenhandel verkauft.
Rasche Bezahlung ist rar
Eine Lösung wäre die Vorfinanzierung der Ernte. Zwar praktizieren das bereits einige Kaffeegrosshändler, darunter auch Schweizer Importeure. Doch üblicherweise gilt diese Vorfinanzierung nur für einen Teil der Ernte. «Die Firmen wollen damit vermeiden, dass sie viel Kapital binden. Zudem gehört die Vorfinanzierung, gerade in Ländern mit einem schwach ausgebauten Bankensystem, nicht zu ihrem Kerngeschäft», erklärt Jerschke. Ihr Unternehmen, die Schweizer FairCapital SA, versucht seit 2020, diese Lücke zu füllen und hat sich auf die Zwischenfinanzierung im fairen Handel spezialisiert. Als das Managementteam von FairCapital im persönlichen Umfeld vom Berufsalltag erzählte, bekundeten auch Privatpersonen ihr Interesse, sich an diesem System zu beteiligen. «Wir entschieden uns deshalb, nicht nur institutionelle Anlegerinnen und Anleger anzusprechen, sondern auch Personen, die mit einer kleineren Anlage partizipieren wollten», so Jerschke. Zu diesem Zweck wurde 2021 die Genossenschaft Fair2C aus der Taufe gehoben. Heute sind es gut 80 natürliche und juristische Personen, die mindestens einen Anteilschein in der Höhe von 5000 Franken gezeichnet haben. Neben der auf Nachhaltigkeit ausgerichteten Pensionskasse Abendrot ist auch die ABS über den Innovationsfonds an Fair2C beteiligt und hält zehn Anteilscheine. «Das Engagement der ABS hat es uns erleichtert, die Genossenschaft aufzubauen», erklärt Jerschke.
Professionelle Vorabklärungen
Die Genossenschaft kann dabei von der Vorarbeit der FairCapital SA profitieren. So erledigt die grosse Schwester die Identifizierung und Überprüfung geeigneter Kooperativen, schliesst Verträge ab und kontrolliert die Finanzströme. Statt der branchenüblichen bis zu 18 Prozent bezahlen die Kooperativen im Durchschnitt etwa 10 Prozent Zins für die zwei, drei Monate, bis die Bezahlung des Grosshändlers eintrifft. Zur Senkung des Zinssatzes trägt die Verpflichtung des Kaffeehändlers bei, den Kaufpreis direkt an Fair2C zu überweisen. So sinkt das Kreditrisiko zusätzlich. Um das Risiko für die Kleinanlegerinnen und -anleger von Fair2C möglichst tief zu halten, schlägt zudem FairCapital dem Vorstand der Genossenschaft ausschliesslich Investments in Kooperativen vor, mit denen die Firma selbst schon seit mehreren Jahren gut zusammenarbeitet. «Wir können Vorschläge aber auch ablehnen und haben ausserdem die Freiheit, den Dienstleister zu wechseln», erklärt Christine Hofstetter, Vorstandsmitglied von Fair2C und seit Jahren auch beruflich im Impact Investment tätig.
Schwerpunkt Lateinamerika
Die Genossenschafterinnen und Genossenschafter erhalten je nach Geschäftsgang bis zu 3 Prozent Dividende auf ihre Einlage und können ihr Kapital nach einer sechsmonatigen Kündigungsfrist wieder zurückziehen. «Bisher haben wir nur in unserem Bekanntenkreis geworben, denn für ein professionelles Marketing fehlen uns die Mittel», so Hofstetter. Das Ziel sei jedoch, zu wachsen. Denn je mehr Kapital die Genossenschaft hat, desto grösser ist der Hebel, mit dem sie dank der Vorfinanzierung von Ernten den fairen Handel fördern kann: Selbst die Kooperativen, bei denen Fair2C engagiert ist, verkaufen erst 20 bis 65 Prozent ihres Kaffees mit Fairtrade-Prämie, der Rest wird zum Standardpreis vermarktet.
Limitiert ist aktuell auch der geografische Raum, in dem die Genossenschaft Fair2C aktiv ist. «Derzeit sind wir in fünf Ländern Zentral- und Südamerikas tätig und beschränken uns vorerst auf Kaffee», erklärt Marie-Noëlle Jerschke. In diesen Regionen seien die Kooperativen stabil und ein vertrauenswürdiger Handelspartner; bisher sei es zu keinem Kreditausfall gekommen. FairCapital SA, die mehr Risiko stemmen kann, agiert hingegen auch in fünf afrikanischen Ländern und finanziert dort zusätzlich Produkte wie Kakaobohnen und Cashewnüsse vor. Ihr Portfolio umfasst über 60 Kooperativen.
Während die FairCapital SA im vergangenen Geschäftsjahr mit mehr als 30 Millionen Franken arbeiten konnte, ist die Genossenschaft Fair2C mit rund einer Million Franken investiert, wobei das Geld mehrmals pro Jahr als kurzfristiges Darlehen genutzt wird. «Unsere Wirkung berechnet sich jeweils anhand der jährlichen Fairtrade-Prämie, die dank unserer Vorfinanzierung zustande kam, im letzten Geschäftsjahr umgerechnet 287 650 Franken», rechnet Hofstetter vor. Neben der reinen Zwischenfinanzierung hat sich die Genossenschaft noch einer weiteren Aufgabe verschrieben: Sie will bei den Schweizer Konsumentinnen und Konsumenten das Bewusstsein für Fairtrade-Produkte fördern. Dabei setzt man auf Veranstaltungen etwa bei Röstereien, um die Produkte vorzustellen, das System der Vorfinanzierung zu erklären und neue Genossenschaftsmitglieder anzuwerben. Christine Hofstetter: «Diese Art der persönlichen Kommunikation hat sich bewährt, um die direkte Wirkung unserer Arbeit verständlich zu erklären.»