In der Kultur Eritreas ist es verpönt, Schulden zu machen. Auch wenn sie in der Schweiz leben, nehmen Eritreerinnen und Eritreer deshalb lieber keinen Kredit auf. Nicht einmal, um eine Firma zu gründen. Das macht aus unternehmerischer Sicht wenig Sinn, findet Nahom Mehret. Er wünscht sich eine Anlaufstelle, die seiner Community erklärt, wie man sich hier selbständig macht.
«Die juristische Person hat den Vorteil, dass sie sich selbst ‹auslöschen› kann, ohne dass dies wehtut», erklärt Hansjörg Peter, Professor und Spezialist für das Bundesgesetz über Schuldbetreibung und Konkurs. Ihre Schulden bestehen losgelöst von der natürlichen Person, die dahintersteht. Auf dem Spiel stehen lediglich das Startkapital – 20 000 Franken bei einer Gesellschaft mit beschränkter Haftung und 100 000 Franken bei einer Aktiengesellschaft – sowie die kumulierten Vermögenswerte. Das Privatvermögen bleibt geschützt.
Wenn ein Unternehmen in Konkurs geht, erstellt das Konkursamt ein Verzeichnis der Vermögenswerte und organisiert die Liquidation. Der Erlös dient der Begleichung der Schulden. Das Gesetz schreibt vor, dass zuerst die Löhne bezahlt werden, danach Sozialversicherungsbeiträge; schliesslich die Steuern, die Lieferantinnen und Lieferanten und die Investorinnen und Investoren «wie Sie und ich», erklärt Daniel Romano, Direktor der Betreibungs- und Konkursämter des Kantons Waadt. Ist das Verfahren beendet, erklärt das Gericht den Konkurs für geschlossen und das Unternehmen wird aus dem Handelsregister gelöscht. Es hört auf zu existieren und ist damit auch seine Schulden los. Eine natürliche Person dagegen haftet dafür bis zu ihrem Tod.*
Ein positives Experimentierfeld …
Dieser etwas «mildere» Rechtsrahmen soll die «eingegangenen Risiken» und den «erheblichen Aufwand» ausgleichen, die mit einer Unternehmensgründung verbunden sind, erläutert Maya Dougoud, Professorin an der Hochschule für Wirtschaft in Freiburg. Das erkläre auch, wieso in der Schweiz die Furcht vor unternehmerischem Scheitern im weltweiten Vergleich äusserst gering sei, fügt die Juristin hinzu. Dies ist ein wichtiger Faktor, der Innovation fördert und die Wirtschaft ankurbelt.
Auch die Quote jener, die sich nach einem Scheitern auf ein neues Projekt einlassen, ist sehr hoch. In der Schweiz lag sie für die Jahre 2024 und 2025 bei 33,9 Prozent. «Im unternehmerischen Umfeld, vor allem bei Start-ups, ist ein Misserfolg kein Makel im Lebenslauf, sondern eher ein Vorteil», erklärt Maya Dougoud. Investorinnen und Investoren setzen lieber auf Leute, die ihre Erfahrungen gemacht haben. Vorausgesetzt, sie sind anpassungsfähig.
… oder ein blinder Fleck
Kann dieser «milde» Rechtsrahmen zu Missbräuchen führen? «Ja, deshalb wurde das entsprechende Bundesgesetz per 1. Januar 2025 verschärft», erklärt Daniel Romano. Es soll verhindern, dass Unternehmerinnen und Unternehmer ihre Schulden vor den Augen der Gläubiger und Sozialversicherungen loswerden und gleichzeitig möglichst viel von ihrem Vermögen behalten. Wie viele der 15 000 jährlich in der Schweiz eröffneten Konkursverfahren sind betrügerisch? Diese Frage ist schwierig zu beantworten. Der missbräuchliche Konkurs ist zwar seit langem bekannt, doch er hat «verschiedene Aspekte, die sich kaum in einer allgemeingültigen Definition umschreiben lassen», wie der Bundesrat in seiner Botschaft zur Reform festhielt.
Die Reform soll verhindern, dass Unternehmen in Schwierigkeiten die Eröffnung eines Konkursverfahrens hinauszögern, und somit die Möglichkeiten für Betrug einschränken. «Künftig können öffentlich-rechtliche Gläubiger wie Steuerämter oder AHV-Kassen ein Konkursverfahren einleiten, wenn sich Zahlungsrückstände anhäufen», hält Daniel Romano fest. Die Reform verpflichtet ausserdem die Konkursämter, der Staatsanwaltschaft systematisch jede in einem Dossier festgestellte Straftat zu melden.
«Das ist ein erster Schritt, aber man müsste noch weiter gehen», meint der Verantwortliche. Eine Arbeitsgruppe prüft derzeit weitere Ansätze, die auf die Personen abzielen, die hinter solchen betrügerischen Konkursen stehen und erheblichen Schaden verursachen. Und er erinnert daran, dass die Rechnung heute letztlich von der Allgemeinheit bezahlt wird.

