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26.02.2026 von Stefan Boss

Backlash bei der Entwicklungshilfe

Die Schweiz spart bei der Auslandhilfe und schaffte es bisher auch im Inland nicht, die Ungleichheit zwischen Arm und Reich zu vermindern. Die Umsetzung der Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung wird immer schwieriger. 

Artikel in Thema Ungleichheit
Illustration: Claudine Etter

Die Ungleichheit in der Welt soll kleiner werden, das ist ein wichtiges Ziel der sogenannten Agenda 2030. Die UNO-Vollversammlung hatte sie im Jahr 2015 beschlossen. Die Euphorie war gross, als sich die Staaten der Welt damals in New York auf insgesamt 17 Ziele für nachhaltige Entwicklung einigten – und das notabene ohne Gegenstimme (vgl. Box). Das Nachhaltigkeitsziel 10 beinhaltete, bis im Jahr 2030 die Ungleichheit sowohl innerhalb als auch zwischen den Staaten zu verringern. Konkret wurde etwa gefordert, dass das Einkommenswachstum der ärmsten 40 Prozent der Bevölkerung «nachhaltig erhöht» werde.

Und heute, elf Jahre nach der Verabschiedung: Wo steht die reiche Schweiz mit der Umsetzung? Sind die Armen reicher geworden und die Reichen allenfalls ein wenig ärmer? Die Schweiz spielte bei der Aushandlung dieser Ziele eine positive Rolle, beschieden ihr damals verschiedene Nichtregierungsorganisationen (NGO). Das Zeugnis, das sie der Schweiz heute ausstellen, ist aber sehr durchzogen.

Globaler Rückgang der Entwicklungshilfe um ein Viertel
Die Schweiz spart bei der Entwicklungshilfe. Das hat die Parlamentsdebatte im letzten Dezember über das Budget 2026 erneut gezeigt. So hat das Parlament die bilaterale Entwicklungszusammenarbeit für das laufende Jahr um 6 Millionen Franken gekürzt. Zudem gibt es 28 Millionen Franken weniger aus für freiwillige Beiträge an multilaterale Organisationen. Dies zusätzlich zu den 431 Millionen Franken, die die Volksvertretung laut Entwicklungsorganisationen schon im Jahr zuvor für die Periode 2025 bis 2028 gekürzt hatte.

«Der Trend geht leider weltweit in Richtung Verkleinerung der Auslandhilfe, mit fatalen humanitären Folgen», sagt Patrik Berlinger von Helvetas auf Anfrage. Global seien die dafür verwendeten Mittel seit 2024 um rund ein Viertel zurückgegangen – ein gewaltiger Einbruch! Wohl das krasseste Beispiel: Unter Präsident Trump haben die USA die entsprechende Hilfe praktisch eingestellt und die Behörde US-Aid zerschlagen. «In der Schweiz beträgt der Rückgang zwar weniger als 25 Prozent, doch auch sie entfernt sich immer mehr vom einst beschlossenen UNO-Ziel von 0,7 Prozent der Wirtschaftsleistung für Entwicklungshilfe», sagt Berlinger. Der Kommunikationsfachmann von Helvetas zeigt ein gewisses Verständnis dafür, dass die Schweizer Armee wegen der aktuellen Bedrohungslage durch Russland und der generell veränderten Weltlage mehr Mittel erhält, betont aber zugleich: «Dies darf nicht auf Kosten der internationalen Zusammenarbeit gehen, und schon gar nicht auf Kosten des Klimaschutzes.». Dies sei extrem kurzsichtig. Aber das Parlament hat diese Mittel ebenfalls gekürzt.

Die Klimakrise verstärke die Ungleichheit noch, hält Berlinger fest. So sei zum Beispiel die Bausubstanz von Häusern in Ländern des Südens schlechter, viele Leute seien kaum versichert und können sich weniger gut vor Starkniederschlägen oder Dürren schützen. Sogar in der Schweiz seien ärmere Menschen, die in Berggebieten wohnen, stärker durch Extremereignissen betroffen. Solche Fragestellungen werden unter dem Thema «Klimagerechtigkeit» breit diskutiert. 

Langjährige Projekte werden beendigt
Auch Sabin Bieri, Professorin und Direktorin des Centre for Development and Environment (CDE) an der Uni Bern, findet, dass der Ehrgeiz der Schweiz bei der Reduktion der weltweiten Ungleichheit in den letzten Jahren stark nachgelassen habe. «Die Stärke der Schweizer Entwicklungszusammenarbeit liegt im Wissens- und Technologietransfer und darin, dass sie nach partnerschaftlichen Lösungen mit den Ländern des Südens sucht», sagt sie. Nun bestehe das Risiko, dass die Schweiz nicht mehr als «zuverlässige Partnerin wahrgenommen» werde. Die Schweizer Entwicklungszusammenarbeit zieht sich aus einigen Staaten ganz zurück, wie zum Beispiel aus Albanien und aus Bangladesch, das durch die Klimakrise wegen des Anstiegs des Meeresspiegels besonders hart getroffen wird. Auf das nächste Jahr hin rechnet Bieri infolge der Budgetkürzungen nochmals mit massiveren Auswirkungen.

Auch das Hilfswerk Helvetas, für das Berlinger arbeitet, erhält Gelder von der Schweizer Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit DEZA und muss infolge der reduzierten Mittel kleinere Brötchen backen. Das bedeutet auch, langjährige Projekte zu beendigen. Das ist gemäss Berlinger besonders schmerzhaft, weil Entwicklungspolitik auf langfristigen Projekten beruht. Diese können auch nicht schnell wieder hochgefahren werden, falls wieder mehr Mittel zur Verfügung stehen sollten. Stossend ist zudem aus der Sicht der Hilfswerke und deren Vereinigung Alliance Sud, dass die Ukrainehilfe der Schweiz auf Kosten der Entwicklungshilfe geht. 

Am Willen der Bevölkerung vorbei politisiert
Auch unabhängige Stimmen werfen dem Parlament vor, mit den Einsparungen bei der Entwicklungshilfe am Volkswillen vorbei zu politisieren. So ergab kürzlich eine Umfrage, dass 52 Prozent der Schweizer Bevölkerung gar eine Budgeterhöhung in diesem Bereich wünschten, während dies bei der Armee nur 24 Prozent forderten. Dies ist das Resultat einer repräsentativen Umfrage des Center for Security Studies und der Militärakademie der ETH Zürich, wie Ökonomin Dina Pomeranz Anfang Dezember in einem Gastbeitrag für die CH Media Zeitungen schrieb. «Die Entwicklungszusammenarbeit ist beliebt, bei den Militärausgaben sind jedoch viele Schweizerinnen und Schweizer zurückhaltend», schrieb Pomeranz, auch mit Verweis auf andere Umfragen. Das Parlament entschied gerade umgekehrt und erhöhte das Armeebudget stark.

Hohe Vermögensungleichheit in der Schweiz
Wie steht es mit der Umsetzung des Nachhaltigkeitsziels 10 der Agenda 20230 im Inland? Konnte da wenigstens die Ungleichheit reduziert werden? Leider auch nicht wirklich. Während bei den Löhnen die Schere zwar nicht weiter aufging und in den letzten 40 Jahren die kleinen Einkommen am meisten wuchsen, sind bei den Vermögen die Unterschiede noch grösser geworden: Das reichste Prozent der Bevölkerung besitzt laut World Inequality Datenbank 31 Prozent des gesamten Vermögens! Damit liegt die Schweiz vor den Nachbarländern, in denen das reichste Prozent folgende Anteile des Gesamtvermögens besitzt: Deutschland 28 Prozent, Frankreich 27 Prozent und Italien 22 Prozent. Laut Bieri von der Uni Bern sind die Vermögen für die Ungleichheit aber der entscheidende Faktor.

Gibt es auch positive Entwicklungen? Die Inklusion von Menschen mit Behinderung habe sich verbessert, das Gesundheitssystem befinde sich auf sehr hohem Niveau, erklärt Berlinger. Auch die Coronakrise habe die Schweiz «gut gemeistert» und die politische Mitbestimmung sei hervorragend.

Unter dem Strich bleibt bei der Verminderung der Ungleichheit aber noch viel zu tun. Inzwischen sind über zwei Drittel der Zeit für die Erfüllung der Agenda 2030 vergangen. Damit scheint klar, dass die Schweiz wie viele andere Staaten das Ziel, die Ungleichheit zu vermindern, zumindest bei der Auslandhilfe verfehlen wird. Hinter den Kulissen überlegt sich die UNO bereits, wie es nach 20230 weitergehen soll: Wie sich mehr Nachhaltigkeit und weniger Ungleichheit in der Welt doch noch erreichen lassen.  

Wie kam es zur Agenda 2030?

Grundlage für die Agenda 2030 bildete die Konferenz von Rio de Janeiro im Jahr 1992. Dort wurde der Begriff «Nachhaltigkeit» neu geprägt. 20 Jahre später an der Nachfolgekonferenz (ebenfalls in Rio) legten die Staaten die Grundlage für die Verhandlungen über die Nachhaltigkeitsziele SDG (Sustainable Development Goals). Neu war, dass die Ziele nicht durch die Industrieländer allein festgelegt wurden, sondern sich auch die ärmeren Staaten aktiv einbringen konnten. Laut einem Blogbeitrag der Plattform Agenda 2030, einem Schweizer Bündnis von NGO für die Umsetzung der Ziele, wurden die Nord-Süd-Beziehungen viel systematischer betrachtet und so unterschiedliche Felder wie internationale Finanzflüsse oder der Verlust der Biodiversität einbezogen.

Dies führte im Jahr 2015 zur Verabschiedung der Agenda 2030 mit insgesamt 17 Nachhaltigkeitszielen und nicht weniger als 169 Unterzielen. Patrik Berlinger von Helvetas räumt auf die entsprechende Frage ein, dass die Agenda «etwas schwerfällig» daherkomme. Es handle sich um einen «breiten Kompromiss», der einen guten Rahmen für eine gerechtere Welt bilde. 2015 war übrigens auch das Jahr der Verabschiedung des Pariser Klimaabkommens, das ebenfalls noch seiner Umsetzung harrt.

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