Die wirtschaftliche Ungleichheit nimmt zu. Viele Menschen fühlen sich dadurch unter Druck – aber nicht nur materiell. Sie fürchten auch um ihren Status. Rechtspopulistische Parteien machen sich diese Ängste zunutze: Sie greifen sie auf und befeuern einen Kulturkampf, der vor allem ihnen selbst nützt.
Ungleichheit kann man messen. Die Angelegenheit ist zwar ein wenig komplexer als beispielsweise bei CO2-Konzentrationen in der Atmosphäre oder globalen Durchschnittstemperaturen – aber der Befund ist ein ähnlicher: Wir laufen auf einen Notstand zu. So jedenfalls stand es im Bericht eines Expertengremiums unter der Leitung von Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph Stiglitz, der zum letztjährigen G20-Treffen in Südafrika präsentiert wurde. Aus Anlass der südafrikanischen G20-Präsidentschaft hatte Präsident Cyril Ramaphosa einen «Ausserordentlichen Ausschuss unabhängiger Expertinnen und Experten für globale Ungleichheit» einberufen. Die brisante Empfehlung des Ausschusses, nach Sichtung der aktuellen Daten: Dringendes Handeln ist erforderlich, und dafür soll ein neues internationales Gremium zur weltweiten Bekämpfung von Ungleichheit sorgen, mit einer politisch ebenso einflussreichen Rolle wie der Weltklimarat (IPCC) bei der Klimakrise. «Die Welt hat erkannt, dass wir uns in einer Klimakrise befinden. Es ist an der Zeit, dass wir auch erkennen, dass wir uns in einer Ungleichheitskrise befinden», liess Stiglitz zur Präsentation des Berichts verlauten.
Die zwölf Reichsten besitzen mehr als die gesamte ärmere Hälfte der Menschheit
Tatsächlich waren die im Bericht versammelten Resultate aufsehenerregend – allerdings haben wir uns so sehr an die grotesken Zahlen gewöhnt, dass sie kaum Schlagzeilen machten: Die reichsten 10 Prozent der Weltbevölkerung erhalten mittlerweile 53 Prozent aller Einkommen und besitzen drei Viertel des gesamten Vermögens. Für die ärmste Hälfte der Menschheit hingegen bleiben nur 8 Prozent der Einkommen übrig. Sparen lässt sich so kaum: Gerade mal 2 Prozent des Vermögens sind hier versammelt. Die Entwicklungsorganisation Oxfam blies unlängst im Bericht «Resisting the Rule of the Rich», präsentiert am WEF in Davos, ins selbe Horn: Eine kleine Geldelite von rund 3000 Superreichen sammelt ein immer grösseres Vermögen an. Dieses wuchs nur schon im letzten Jahr um 2500 Milliarden US-Dollar und steht neu bei insgesamt 18 300 Milliarden – ein neuer Höchstwert. Allein die zwölf reichsten Menschen der Welt besitzen nun mehr als die halbe Menschheit auf der weniger privilegierten Seite der Statistik.
Die indische Ökonomin Jayati Ghosh forscht und lehrt an der University of Massachusetts Amherst und war federführend am Stiglitz-Bericht beteiligt. Für die Ökonomin ist die Analogie mit dem Klimanotstand zentral, auch was die Datenlage angeht: «Es mag zwar immer noch Klimaleugner geben, aber seit wir über die regelmässigen Berichte des Weltklimarats verfügen, ist die Lage der Dinge eigentlich kaum mehr anzuzweifeln, das hatte einen grossen Einfluss auf den öffentlichen Diskurs.» Ghosh betont, dass es zur Ungleichheit viel bessere Daten brauche. Denn viele Länder hätten kein Interesse, die Ungleichheit exakt aufzuzeichnen, nicht selten würden Daten auch geschönt. Ein unabhängiges Gremium könnte die Ungleichheit in verschiedenen Bereichen überwachen und die Forschung koordinieren. Dies nicht zuletzt auch, um die zugrunde liegenden Ursachen zu bestimmen und die Wirksamkeit staatlicher Massnahmen zu bewerten.
Nichts zu spüren vom Trickle-down-Effekt
Tatsächlich konnte die globale Ungleichheit seit Anfang der 2000er-Jahre etwas reduziert werden, wie der Stiglitz-Bericht ausführt. Aber das hat vor allem mit einem Faktor zu tun: den steigenden Einkommen in China. Es wäre also verfehlt, von einer Trendwende zu sprechen, in vielen Weltregionen ist die Ungleichheit nach wie vor am Steigen. Neun von zehn Menschen leben heute in Ländern mit hoher Ungleichheit – selbst nach den relativ konservativen Standards der Weltbank. Und auch vom Trickle-down-Effekt, der gern von neoliberalen Denkern bemüht wird, ist nicht allzu viel zu spüren – der Vorstellung also, dass alle, auch die Ärmsten, über kurz oder lang vom Vermögenszuwachs an der Spitze der Pyramide profitierten. Das explosive Wachstum des totalen Vermögens kommt in erster Linie denjenigen zugute, die ohnehin schon über die Massen reich sind. So gingen mehr als 40 Prozent des seit Beginn des Jahrhunderts erwirtschafteten Vermögens an das reichste Prozent, für die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung fiel gerade mal 1 Prozent ab. Da sickert also so gut wie gar nichts bis ganz unten.
Wann wird ein Kipppunkt erreicht?
Ungleichheit in harte Zahlen zu fassen, ist von grundlegender Bedeutung, wenn man politisch etwas bewegen will. Da leuchtet die Analogie zum Weltklimarat ein. Gleichzeitig ist Ungleichheit aber auch eine gefühlte Realität, eine alltägliche Ungerechtigkeit. Wobei man ein wenig fatalistisch argumentieren könnte, dass es irgendwann ein wenig egal wird, wie viel Reichtum sich bei den Allerreichsten konzentriert. Denn wirklich zu fassen ist diese Ungleichheit längst nicht mehr. Wann also sind die Kipppunkte – Tipping Points – bei der Ungleichheit erreicht? Wann sind Revolten die unweigerliche Folge? «Sehen wir das nicht bereits passieren?», entgegnet Ghosh nüchtern. Allerdings denkt sie dabei nicht an konzertierte Aktionen gegen die Mächtigen, sondern an einen «Kampf aller gegen alle». Als Beispiele nennt die Ökonomin die Ausgrenzung von Muslimen in Indien oder die Zunahme von Hassverbrechen in ganz verschiedenen Gesellschaften. Eben deshalb sei es so wichtig, betont Ghosh, konkrete Handlungsfelder zu identifizieren: Ansonsten würden die Menschen einfach immer frustrierter und schlügen wild um sich.
Internet als Katalysator für Revolten
Apropos Machtelite: Interessanterweise kommt eine unlängst erschienene wissenschaftliche Analyse zur Erkenntnis, dass die digitalen Mittel zum Bumerang für die Mächtigen und Vermögenden werden können. Begehren Menschen automatisch auf, wenn sie ums Überleben kämpfen, während eine kleine Elite in unverschämtem Wohlstand lebt? Als ein Team von Wirtschaftswissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern aus Deutschland und Australien nach Ungleichheits-Tipping-Points suchten, fanden sie eine entscheidende «Extra-Zutat», die darüber entscheidet, ob extreme Ungleichheit revolutionäre Dynamiken auslöst: das Internet. Die Forschenden untersuchten Daten aus mehr als 120 Ländern aus den Jahren 1996 bis 2020, sie verglichen die Einkommensungleichheit (gemessen anhand des Gini-Indexes) mit den politischen Stabilitätswerten der Weltbank. Und es zeigte sich: Der Anteil der Bevölkerung, der das Internet nutzt, fungierte als Katalysator. In Ländern mit geringem Internetzugang führt eine höhere Ungleichheit nicht zu einer höheren politischen Instabilität. Marginalisierten Gruppen fehlen in solchen Ländern die Informationen, um ihr Leben mit dem anderer zu vergleichen. Vor dem digitalen Zeitalter verglich man sich vor allem mit seinen unmittelbaren Nachbarn. Wenn alle um einen herum arm sind, erscheint die eigene Situation eher normal oder zumindest erträglich. Mit dem Internet gilt diese Isolation nicht mehr: Plötzlich wird auch das Leben der Reichen sichtbar, sowohl im Inland als auch weltweit. Social-Media-Plattformen werden zur Vitrine für Luxus und schaffen ein andauerndes Gefühl der «relativen Benachteiligung». Gleichzeitig bieten digitale Medien eine Vielzahl von Werkzeugen, um sich effektiv zu organisieren. Das kann eine explosive Mischung sein.
Extreme Machtkonzentration an der Spitze
Auch Ghosh ist der Überzeugung, der «Notstand» habe nicht allein mit wachsender Ungleichheit zu tun, sondern mit der Konzentration an Vermögen und entsprechend auch Macht ganz oben. «Eine solche Konzentration haben wir in der Geschichte der Menschheit wohl noch nie gesehen», sagt die Ökonomin. Alarmierend sei also, was ganz oben passiere: Die Mächtigen verfügten über ungekannte Möglichkeiten, die Regeln für sich zu bestimmen, via Gesetze, via digitale Kanäle. Das stelle eine sehr konkrete Gefahr für unsere Demokratien dar. Die Entwicklungsorganisation Oxfam Deutschland gab ihrem Bericht entsprechend den Titel: «Die Zerreissprobe: Wie extreme soziale Ungleichheit die Demokratie gefährdet.» Die «Plutokraten», die am erfolgreichsten Ressourcen scheffeln, verfügen heute über eine kaum je gesehene Machtfülle, insbesondere durch digitale Einflussmöglichkeiten. Die öffentliche Meinung werde jetzt schon durch ihre Kontrolle über die Medien beeinflusst, mitunter sogar Rechtssysteme zu ihren Gunsten gekippt. Umgekehrt gilt: Wer abrutscht oder gar abgehängt wird, erlebt das als Ohnmacht und sinnt auf Vergeltung und Wiedergutmachung. Hier ist also nicht allein eine alltägliche Ungerechtigkeit manifest, hier liegt der emotionale Keim politischer Radikalisierung.

