80
17.06.2026 von Esther Banz

Gesundheit und Würde – eine Baustelle

Auf Schweizer Baustellen arbeiten zu einem grossen Teil migrantische Handwerker. Sie dürfen nicht mehr diskriminiert und ausgebeutet werden wie unter dem Saisonnierstatut. Aber unter würdigen Bedingungen arbeiten zu können, bleibt ein ständiger Kampf. Und es gibt sogar Menschenhandel.

Artikel in Thema Handwerk
Illustration: Claudine Etter

Eines Abends sass beim Brunnen in unserem Quartier ein Mann gebückt auf der Bank daneben. Die Sonne ging gerade unter, es war ein milder Tag im Frühling. Er bat um etwas zu essen. Und dann auch um eine Decke. Er arbeite auf einer Baustelle im Quartier, ein Haus. Selber habe er keine Unterkunft. Mit meinem Schlafsack, Brot und Käse unter dem Arm verabschiedete er sich wenig später Richtung Wald.

Ungefähr zur selben Zeit gab es am Zürcher Bezirksgericht einen Prozess: Ein Schweizer Bauunternehmer war angeklagt, weil er aus Ländern wie Rumänien und Ungarn Gipser in die Schweiz gelockt hatte, mit dem Versprechen auf einen rechten Lohn. Bezahlt habe er dann aber lediglich Stundenlöhne von 80 Rappen bis 9 Franken, wie die Gewerkschaftszeitung «Work» berichtete. Die Staatsanwaltschaft hatte Telefongespräche des Bauunternehmers abgehört und zitierte am Prozess Sätze von ihm wie: «Man muss die nehmen, die noch nie hier waren, und sie dann nach einem Jahr auswechseln, da sie schon hochnäsig geworden sind.» Der Bauunternehmer bezeichnete die Handwerker, die er geholt hatte, als «Pack», und meinte, man solle sie wie Sklaven halten. Das Gericht verklagte den Mann 2023 wegen Menschenhandels zu zehn Jahren Gefängnis und Geldstrafen. Das war ein krasser Fall von Ausbeutung, der erste dieser Dimension im Baugewerbe, der in der Deutschschweiz vor Gericht und somit an die Öffentlichkeit kam. Dass die Opfer Ausländer waren, ist kein Zufall: Einmal mit falschen Versprechen in ein Land gelockt, in dem sie die Sprache nicht sprechen, die Gesetze nicht kennen und kein soziales Netz haben, waren sie von ihrem Arbeitgeber abhängig.

Kinder waren verboten
Auf hiesigen Baustellen arbeiten mehrheitlich migrantische Handwerker. Die meisten ausländischen «Büezer» stammen aus Portugal, Italien, Spanien, Balkan, Deutschland, Frankreich. Das Baugewerbe ist auf sie angewiesen, es bekämpfte die fremdenfeindliche SVP-Initiative («10-Millionen-Schweiz» – Abstimmungstermin nach Redaktionsschluss), die migrantische Arbeitskräfte entrechten würde. Die Annahme der Initiative wäre ein Zurück in das System vor 2002, als ausländische Arbeiter und Arbeiterinnen systematisch ausgebeutet wurden. Bis zu jenem Jahr regelte das Bundesgesetz über Aufenthalt und Niederlassung der Ausländer (ANAG) von 1934 mit dem Saisonnierstatut die Bedingungen in Niedriglohnberufen. Gipser, Maurer, Metallbauer errichteten Hochschulen, Verwaltungsgebäude, Wohnhäuser, bauten Flugpisten und Gleisanlagen. Pflästerer und Strassenbauer schufen den Grund, auf dem wir uns jeden Tag bewegen. Aber man behandelte sie wie Menschen zweiter Klasse, nutzte sie als billige Arbeitskräfte und verhinderte gleichzeitig, dass sie hier eine Familie gründen konnten. Die Kinder von Saisonniers durften nicht mit ihren Eltern leben, junge Mütter mussten ihr Neugeborenes zur Fremdplatzierung ausser Landes bringen. Sie waren lediglich eine ökonomisch nützliche Manövriermasse.

Opfer fürchten die Polizei
Die Personenfreizügigkeit zwischen der Schweiz und der EU beendete das rassistische System. Es ist einfacher und sicherer geworden, als ausländischer Handwerker hier zu arbeiten – und die Schweiz ist unvermindert auf diese Arbeitskräfte angewiesen, der Fach- und überhaupt Arbeitskräftemangel ist ein Problem. Bei Gebäuden und Infrastruktur kurbelt die Energiewende die Erneuerungstätigkeit an, die Handwerker der geburtenstarken Jahrgänge erreichen das Pensionsalter, und es fehlt in vielen Berufen an Nachwuchs. Hierzulande sind die Löhne höher als in den umliegenden Ländern, was die Arbeitsmigration in die Schweiz attraktiv macht. Aber es besteht die Gefahr von Lohndumping. Der allgemeinverbindliche Gesamtarbeitsvertrag (GAV) beugt dem vor, dennoch braucht es flankierende Massnahmen und Kontrollen, auch bei den Unterkünften. Und da gibt es grosse kantonale Unterschiede. Während das Tessin und Genf positiv auffallen, werden Arbeitgeber gemäss Schweizerischen Gewerkschaftsbund (SGB) in den Kantonen Zug, Wallis, Bern, Solothurn und Thurgau viel zu selten kontrolliert.

Der Fall des 2023 verurteilten Menschenhändlers war krass – aber wohl kein Einzelfall. Bruna Campanello spricht im Plural von Menschenhandel auf Baustellen, von Handwerkern, die illegal ausgebeutet werden. Wie gross die Dunkelziffer ist, wisse man aber nicht. Campanello ist bei der Gewerkschaft Unia Chefin des Sektors Ausbaugewerbe, zu dem Handwerksberufe wie Gipser, Bodenleger, Maler und Schreiner zählen. Es brauche dringend Sensibilisierung, sagt sie. Denn die Fälle blieben sonst unentdeckt. Opfer von Missbrauch getrauten sich nämlich nicht, Anzeige zu erstatten, insbesondere nicht die migrantischen. Der Grund ist so einfach wie stossend: «Auf dem Polizeiposten werden sie oft von Opfern zu Tätern gemacht.» Bruna Campanello weiss von Fällen, in denen die Polizei nicht bloss die Anzeige nicht entgegennahm, sondern sogar die Betroffenen ins Visier nahm. Bundesrat Beat Jans habe das Problem erkannt, sagt die Gewerkschafterin. Sie hofft, dass der runde Tisch, den er initiiert hat, wirkt.

Der Druck ist zu gross
In den vergangenen Jahren mussten die Gewerkschaften immer wieder Angriffe auf die Arbeitsbedingungen der auf dem Bau arbeitenden Handwerker abwehren. Das gelingt, weil sie stark und gut organisiert sind. Aber Anfang dieses Jahres rief der SGB eine Gesundheitskrise aus. Die Wahrscheinlichkeit, invalid zu werden, sei erstmals seit 20 Jahren wieder gestiegen. Besonders betroffen seien auch Handwerker auf dem Bau. Laut Bruna Campanello belastet vor allem der Stress stark, der Grund: «Bauprojekte sind oft nur auf Rendite ausgerichtet.» Sie höre von jungen Handwerkern oft: «Ich bin mega stolz auf die Lehre, die ich gemacht habe, auf meinen Beruf. Aber der Druck ist zu gross.» Auch die körperliche Belastung ist enorm: «Im Bauhauptgewerbe wird mit Kranen gearbeitet, aber die sind irgendwann weg», sagt Campanello, «dann schleppen die Handwerker Platten von Hand, bis zu 15 Stockwerke hoch.» Zudem sei die Hygienesituation auf Baustellen vielerorts schlicht unwürdig, und die Arbeitssicherheit werde unter dem herrschenden Zeitdruck zweitrangig. Auch habe die Zahl der psychischen Erkrankungen zugenommen: «Wir nehmen an, dass das mit dem Stress und Druck zu tun hat», sagt die Gewerkschafterin: «Die Handwerker haben keine Zeit mehr, ihre Arbeit so sorgfältig zu machen, wie sie es können und wollen.»

Wenn Bauherrschaften, Planer, Bauleitungen und weitere Involvierte gut zusammenarbeiten, sinke die Belastung für die Handwerker im Ausbau, erklärt Campanello weiter. Auch wirtschaftlich rechne sich eine gute Planung und Kommunikation. Zusammen mit der SUVA und den Arbeitgeberverbänden des Ausbaugewerbes hat die Unia deshalb die Informationsplattform Optibau.info geschaffen. Und in einem weiteren Gemeinschaftswerk, dem Informationssystem Allianz Bau (ISAB), ist ersichtlich, welcher Gewerbebetrieb GAV-konform arbeitet und welcher nicht. 

Nachwuchs gibt’s nicht einfach so
Ein grundlegendes Problem bleibt aber bestehen: Bauprojekte sind oft Renditeprojekte – und je grösser eines ist, desto mehr Sub- und Sub-Sub-Unternehmen mit Renditeanspruch gibt es. Jeder in der Kette will etwas an dem Projekt verdienen, der Preis wird jedes Mal gedrückt. «Die Menschen, die die Arbeit erbringen, gehen dabei vergessen, ihr Lohn und ihre Arbeitsbedingungen interessieren nicht», sagt die Bruna Campanello. Es gebe aber auch positive Geschichten. Etwa die Einführung der flexiblen Frühpensionierung bei den Gebäudetechnikern, welche die Dachdecker und das Ausbaugewerbe in der Westschweiz schon lange kennen. Und die Maler-Gipser haben Teilzeitarbeitsmodelle eingeführt. Überhaupt seien einige Verbände bemüht darum, dass ihre Branche attraktiver werde für junge Leute, so Campanello: «Aus Eigeninteresse. Sie sind ja auf Nachwuchs angewiesen.» Und auf Handwerker aus dem Ausland. 

Der Mann, der in unserem Quartier beim Brunnen sass, durfte den Schlafsack behalten. Die Notschlafstelle Iglu, die das Sozialwerk Pfarrer Sieber in der kalten Jahreszeit für arbeitssuchende Arbeitsmigranten aus dem Ausland betreibt, war an jenem Frühlingstag bereits geschlossen.

Artikel ausdrucken
Verwandte Artikel

Goldene Hände, dringend gesucht

Es gibt in der Schweiz immer weniger Handwerkerinnen und Handwerker. Denn viele Handwerksberufe sind in den letzten Jahrzehnten ausgestorben oder haben ein Imageproblem. Dabei sind sie unverzichtbar für Energiewende und Kreislaufwirtschaft – und damit für die Zukunft der Schweiz.

17.06.2026 von Simon Rindlisbacher

Ein hartes Pflaster

Viele Handwerksberufe sind nach wie vor Männerdomänen. Insbesondere in den Bau- und Installationsberufen bilden Frauen eine verschwindend kleine Minderheit. Warum ist das so? Und was braucht es, damit es künftig mehr Handwerkerinnen gibt?

17.06.2026 von Katharina Wehrli
Artikel nur online