Handwerk hat goldenen Boden? Die gesellschaftliche Stellung des Schaffens von Hand hat eine schillernde Geschichte. Eine kleine Soziologie des Handwerks.
«Wo sind die goldenen Hände geblieben?», fragte Margrit Stamm vor zwei Jahren in einer Kolumne. Die Professorin für Erziehungswissenschaften machte darin auf einen Umstand aufmerksam, der sich bis heute nicht verändert hat: In der Schweiz werden die Handwerkerinnen und Handwerker rar. Handwerks- und verwandte Berufe machen gemäss Bundesamt für Statistik heute noch knapp 10 Prozent der 4,8 Millionen Erwerbstätigen aus. 1970 war deren Anteil noch gut 25 Prozent. Auch absolut gesehen ist die Zahl der Handwerkerinnen und Handwerker deutlich gesunken. Sie wurden von intellektuellen und wissenschaftlichen Berufen als wichtigste Berufsgruppe abgelöst. Eine Verschiebung, die ebenso bei den Bildungsabschlüssen zu sehen ist: Die Zahl der Hochschulabschlüsse als höchste Ausbildung steigt laufend an, jene der Berufslehre sinkt.
Die goldenen Hände bedienen heute also den Computer anstatt Hammer und Säge. Der Grund: Das Handwerk hat offenbar ein Imageproblem – so interpretiert es auch Margrit Stamm. Sie führt das unter anderem auf die Akademisierung der Bildungspolitik zurück – konkret darauf, dass ein Abschluss an einer Hochschule als Königsweg propagiert wird. Heute gelte: «Je mehr ein Beruf mit Kraft und Körperarbeit verbunden wird, desto tiefer ist sein Status.» Studien zeigen zudem, dass das Image leidet, weil handwerkliche Berufe mit hoher körperlicher Belastung und eher tiefen Löhnen verbunden sind.
Unentbehrlich für die Energiewende …
Aber nicht nur die goldenen Hände sind weniger geworden, sondern auch die handwerklichen Berufe. So kam eine Studie des Forschungsbüros Interface 2011 zum Schluss, dass ein Viertel des traditionellen Handwerks stark gefährdet ist. Erfasst wurden damals im Auftrag des Bundesamtes für Kultur 307 handwerkliche Berufe, die schon vor 1950 ausgeübt wurden – daher «traditionell». Den Grund für die Gefährdung ortete die Studie in der zunehmenden Automation der Produktionsprozesse und der Beschleunigung der globalen Waren- und Kommunikationsströme. Traditionelles Handwerk, das von manueller Individualanfertigung, Langlebigkeit, Reparaturfähigkeit und lokaler Verankerung geprägt sei, hat unter diesen Umständen zwangsläufig an Bedeutung verloren.
Als nicht gefährdet eingestuft wurden hingegen Berufe wie Elektromonteur, Maler oder Polier. Das überrascht wenig. Denn deren Spezialität ist nicht, etwas herzustellen, sondern zu installieren und instand zu halten. Das sind Aufgaben, die weniger automatisiert und vor allem nicht in ein Billiglohnland ausgelagert werden können. Diese Berufe sind nötig, so lange Gebäude, Strassen, Bahngleise gebaut und gepflegt werden müssen – und die Energiewende kurbelt den Bedarf zusätzlich an: Denn Wärmepumpen und Solaranlagen müssen montiert, Gebäude energetisch saniert und Infrastruktur klimatauglich gemacht werden. Für all das braucht es zwingend Handwerkerinnen und Handwerker. Das Problem: Sie fehlen. Das zeigen Erhebungen der Adecco Group und der Universität Zürich.
Damit die Energiewende nicht wegen des Fachkräftemangels ins Stocken gerät, hat der Bund 2022 zusammen mit verschiedenen Branchenverbänden die «Bildungsoffensive Gebäude» lanciert. Die Ziele: mehr Nachwuchs gewinnen, den Quereinstieg erleichtern und Fachkräfte halten. Im Zuge der Kampagne sind auch neue Berufe entstanden wie beispielsweise der/die Solarinstallateur/in EFZ. Zudem wird der Beruf des/der Rohrnetzmonteur/in EFZ neu entwickelt, wie beim Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation SBFI zu erfahren ist. Damit soll dem Fachkräftemangel in der Wasser-, Gas- und Fernwärmeversorgung entgegengewirkt werden.
… und für die Kreislaufwirtschaft
Dank der Bildungsoffensive und den verschiedenen Kampagnen, hat die Bedeutung des Handwerks für die Energiewende zumindest ein klein wenig öffentliche Aufmerksamkeit erhalten. Weniger beachtet wird, dass es auch bei einem weiteren wichtigen Aspekt der nachhaltigen Transformation eine zentrale Rolle spielt: bei der Kreislaufwirtschaft. Deren Ziel ist es, Rohstoffe und Produkte effizient und so lange wie möglich zu nutzen und Material- und Produktekreisläufe zu schliessen. Die Kreislaufwirtschaft ist als Zielsetzung in der nationalen Strategie Nachhaltige Entwicklung verankert. Mit gutem Grund: «Global gesehen verursacht der Materialverbrauch rund 50 Prozent der gesamten Umweltbelastung», sagt Tobias Stucki, Co-Institutsleiter am Institut Sustainable Business der Berner Fachhochschule. Genau da setze die Kreislaufwirtschaft an: Sie helfe, diesen Verbrauch und die damit verbundenen Emissionen zu reduzieren. «Eine funktionierende Kreislaufwirtschaft bedingt langlebige und reparierbare Produkte, und um solche zu entwerfen, herzustellen, später zu reparieren und wiederaufzubereiten braucht es das Handwerk.»
Gemeint ist besonders das herstellende Handwerk, also jene Berufe, von denen gemäss der Interface-Studie von 2011 etliche zu verschwinden drohen – zumindest, sofern es sich um traditionelles Handwerk handelt. Schon damals hielten die Autorinnen und Autoren fest, dass diese Berufe beim Aufbau und der Verankerung von nachhaltigen Wirtschaftsformen eine Vorreiterrolle einnehmen könnten. Zum einen, weil sie herstellen können, was Stucki als Grundlage der Kreislaufwirtschaft nennt: langlebige und reparierbare Produkte. Zum anderen produzieren Handwerkerinnen und Handwerker nahe bei den Endverbrauchern, was energieintensive Transporte überflüssig macht. Und schliesslich verhindern handwerkliche Individualanfertigungen und Kleinserien eine Überproduktion, die bei der industriellen Massenfertigung üblich geworden ist.
Teure Kreislaufwirtschaft?
Dass wir anstatt auf günstige Massenprodukte auf handwerklich hergestellte, langlebige Produkte setzen, die immer wieder repariert, aufgewertet und später sogar vererbt werden können, das klingt überzeugend nachhaltig – aber auch stark nach Luxus für wenige. Hier ist eine Differenzierung wichtig: Zwar ist es möglich, dass Produkte, die den Kriterien der Kreislaufwirtschaft entsprechen, in der Anschaffung teurer werden. Dafür halten sie in der Regel länger und lassen sich zudem reparieren. Über die ganze Lebensdauer eines Produkts werden die Kosten damit nicht unbedingt höher, verschieben sich aber: Anstatt jedes Jahr eine billige Jeans, kaufen wir eine, die zwar vielleicht vier- oder fünfmal teurer ist, aber dann auch fünf Jahre hält. Trotzdem muss man sich die Anschaffungskosten und auch eine Reparatur leisten können. Ein kürzlich veröffentlichtes Briefing der Europäischen Umweltagentur mahnt, dass die Kreislaufwirtschaft nicht automatisch sozial gerechte Ergebnisse liefere. Die Politik müsse daher dafür sorgen, dass zirkuläre Produkte und Dienstleistungen auch für Haushalte mit tiefem Einkommen erschwinglich bleiben.
Dazu kann gemäss Stucki auch das Design der Produkte beitragen, etwa indem diese modular konzipiert werden. Die Basismodule können dann weiterhin in grösseren Mengen und damit preiswert hergestellt werden. Auch um Reparaturen günstiger zu machen, ist das Design entscheiden: «Wenn Produkte bewusst so gestaltet sind, dass sie sich einfacher und schneller reparieren lassen, spart dies Zeit und damit Geld», erklärt der Forscher der BFH. Gerade die Schweiz ist aus seiner Sicht für eine solche sozial-optimierte Kreislaufwirtschaft prädestiniert: «Denn dank dem dualen Bildungssystem haben wir eine grosse Zahl von hochkompetenten Handwerkerinnen und Handwerkern mit dem nötigen Wissen, den nötigen Fähigkeiten und der nötigen Kreativität.»
Prädestinierte Schweiz, zögerliche Schweiz
Wie bei der Energiewende ist also auch bei der Kreislaufwirtschaft das Handwerk für die Umsetzung zentral – und dafür bringen die Handwerkerinnen und Handwerker hierzulande auch die nötigen Grundlagen mit. Dazu Tobias Stucki: «Dank dem dualen Bildungssystem haben wir viele hochkompetente Handwerkerinnen und Handwerkern mit dem Wissen, den Fähigkeiten und der Kreativität, die es braucht.» Die Schweiz sei damit für eine Kreislaufwirtschaft prädestiniert. Allerdings haben diese bis jetzt nur 10 Prozent der Unternehmen umgesetzt, wie der Statusbericht der Schweizer Kreislaufwirtschaft 2024 zeigt. Stucki hat den Bericht mitverfasst. Aus Gesprächen mit Unternehmen erinnert er sich an zwei wichtige Gründe, warum es noch nicht mehr sind: Zum einen täten sich einige schwer, Gewohnheiten und Traditionen aufzubrechen. Zum anderen gebe es für viele im Alltag immer ein Problem, das gerade dringender sei. «Die Umsetzung der Kreislaufwirtschaft wird dann immer auf das nächste Jahr verschoben», sagt er. Weitere Hürden sehen die Unternehmen gemäss Statusbericht darin, dass ihre Produkte sich nicht eignen würden, ihnen das Umsetzungswissen fehle oder die Investitionskosten zu hoch seien. Die Hürde, die aber von den Unternehmen noch knapp vor den Investitionskosten am meisten genannt wurde: der Fachkräftemangel.
Im Gegensatz zu den Berufen, die für die Energiewende notwendig sind, gibt es bei der Kreislaufwirtschaft allerdings noch keine entsprechenden Kampagnen, um dem Mangel an geeigneten Handwerkerinnen und Handwerkern entgegenzuwirken. Das hat unter anderem damit zu tun, dass für eine funktionierende Kreislaufwirtschaft im Prinzip alle Unternehmen in der Schweiz mitziehen müssen. «Anders als im Energie- und Bausektor, der für die Energiewende zentral ist, gibt es daher nicht wenige grosse Unternehmen und Organisationen, die der Staat einfacher identifizieren und in die Pflicht nehmen kann, sondern viele sehr unterschiedliche», erklärt Stucki. Das mache gezielte Massnahmen schwieriger. Wobei die gesetzlichen Grundlagen mit dem neuen Umweltschutzgesetz eigentlich gegeben seien. Der Bundesrat sei nun gefordert, darauf aufbauend konkrete Umsetzungsmassnahmen zu erlassen.
Die goldenen Hände aufwerten
Wo es allerdings Bewegung gibt, ist in der Berufsbildung. So läuft beim Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation SBFI seit 2021 das Programm «Berufsbildung und nachhaltige Entwicklung». Dieses zielt darauf ab, dass in der Berufsbildung in allen Branchen standardmässig Nachhaltigkeitskompetenzen vermittelt werden. Gemäss Nicoletta Gullin-Halter, die beim SBFI im Bereich der beruflichen Grundbildung arbeitet, laufen in vielen Branchen Überlegungen, den verantwortungsvollen Umgang mit natürlichen Ressourcen und der Umwelt in die Berufsbilder zu integrieren. Das dürfte auch beim Fachkräftemangel helfen; denn, wie Gullin-Halter erklärt: «Neue Forschung zeigt, dass Nachhaltigkeitsaspekte bei der Berufswahl eine Rolle spielen. Neben guten Arbeitsbedingungen und Weiterentwicklungsmöglichkeiten zählen sie heute zu den Faktoren, die einen Beruf attraktiv machten.»
Handwerkerinnen und Handwerker braucht es also dringend, soll die nachhaltige Transformation in der Schweiz dank der Energiewende und der Kreislaufwirtschaft innert nützlicher Frist Wirklichkeit werden. Sie bringen nicht nur die nötige Arbeitskraft auf die Baustellen und in die Werkstätten, sondern insbesondere auch die nötigen Fertigkeiten, die Erfahrung und ihre Kreativität. Erhalten sie dafür die nötige Anerkennung? Das ist zumindest fraglich, obwohl mehr Anerkennung – etwa in Form von höheren Löhnen und vielleicht auch mehr Wertschätzung –, ein wichtiger Hebel wäre, um Handwerksberufe attraktiver zu machen. Einen weiteren Weg schlägt die Erziehungswissenschaftlerin Margrit Stamm vor: Aus ihrer Sicht braucht es in der Bildung einen Abschied vom Tunnelblick auf das «höher gleich besser». Menschen sollten nach ihrer Leistung und nicht nach ihrem Titel eingeschätzt werden, «damit schmutzige, aber goldene Hände aufgewertet werden könnten.»

