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17.06.2026 von Roland Fischer

Unsterbliches Handwerk?

Handwerk hat goldenen Boden? Die gesellschaftliche Stellung des Schaffens von Hand hat eine schillernde Geschichte. Eine kleine Soziologie des Handwerks.

Artikel in Thema Handwerk
Illustration: Claudine Etter

Der Soziologe Richard Sennett geht in seinem Buch «Handwerk» (2008) ausführlich auf einen überraschenden Aspekt von Diderots Enzyklopädie ein, diesem grossen Sammelwerk der Aufklärung. 30 Jahre, 35 Bände: Hier sollte das gesamte Wissen der damaligen Zeit festgehalten und zugängig gemacht werden. Für Sennet indessen ist das Werk eine «Bibel des Handwerks», und tatsächlich nannten die Herausgeber es «Dictionnaire raisonné des sciences, des arts et des métiers». Aber wie das Wissen aus den Werkstätten sammeln? Diderot ging das an wie moderne Anthropologen: «Wir wandten uns an die tüchtigsten Handwerker in Paris und unserem Königreich. Wir machten uns die Mühe, sie in ihren Werkstätten aufzusuchen, sie auszuforschen, nach ihrem Diktat Aufzeichnungen zu machen.» Sennett findet diesen Aspekt besonders spannend, denn hier bekam es Diderot mit Schwierigkeiten zu tun, die sich bei Artikeln zu Philosophie oder Physik nicht stellten. Handelt es sich doch bei weiten Teilen des Wissens, über das ein Handwerker verfügt, um implizites Wissen, das eher durch Zeigen weitergegeben wird als durch Erklären. Auf jeden Fall hat man sich den Handwerker dieser Zeit als glücklichen Menschen vorzustellen, zumindest in den Augen der Enzyklopädisten: Auf den begleitenden Bildtafeln herrscht durchgehend eine heitere Ruhe. Aufklärung auch beim Arbeiten, nicht nur beim Denken. Oder eben gerade da?

Das Glück abseits der Studierstuben suchte gut 200 Jahre später auch die amerikanische «Counter Culture» in den 1960er- und -70er-Jahren. Und auch sie hatte ihre Bibel, das Magazin «Whole Earth Catalog». Auch dieses ist nicht eigentlich ein Nachschlagewerk, es bietet «Access to Tools», wie es im Untertitel programmatisch heisst. Stewart Brand, der Aktivist und Netzwerker hinter dem «Whole Earth Catalog», bezog sich dabei ganz explizit auf Diderot und «diese Leitidee der Aufklärung, dass Wissen bis dahin von der Aristokratie zurückbehalten worden war», wie er einmal dem «Guardian» gegenüber sagte. Tatsächlich kommt Stewart Brands Magazin ein bisschen wie ein Versandkatalog auf LSD daher: ein chaotisches Layout, neben zahllosen Buchempfehlungen gibt es Landwirtschaftsequipment oder Schreinerwerkzeuge, dazu Reportagen und allerlei Kurztexte. Der «Catalog» bot Waren ebenso an wie Ideen, und der Versand lief wie geschmiert. So zogen die Hippies und Drop-Outs, nun da sie Zugang zu diesen «Tools» hatte, in Scharen hinaus aus den Städten und schreinerten, gärtnerten, bauten, was das Zeug hielt.

Die «richtigere» Art des Schaffens
Schon das «Arts and Crafts Movement» hatte sich dem Handwerk als Quelle des persönlichen Glücks zugewandt. Die britische Reformbewegung im ausgehenden 19. Jahrhundert, aus der sich der Jugendstil entwickelte, legte grossen Wert auf die Freude an Handarbeit und die natürliche Schönheit des Materials. Dabei ging es, im Zeitalter der maschinellen Produktion, ganz explizit um eine Rückbesinnung auf das Handwerk als «richtigere» Art des Schaffens und Gestaltens. Den Aspekt der «Langweiligkeit» des Maschinellen greift auch Sennett auf: «Angesichts der rigorosen Perfektion der Maschine wurde der Handwerker zu einem Emblem menschlicher Individualität, das seine Grundlage in der positiven Bewertung von Abwandlungen, Mängeln und Unregelmässigkeiten [...] hatte.» 

Auch bei der amerikanischen «Counter Culture» in den 1970er-Jahren ging es um eine Rückbesinnung auf das Schaffen von Hand, auch da war es als Gegenbewegung zu einer zunehmenden Mechanisierung gemeint, bloss ging es bei der Maschinenstürmerei nun eher um Grossrechner und die damit einhergehende Bürokratisierung. Wobei das Besondere an Stewart Brands Lesart der Gegenkultur in der Verbindung von beidem lag: einer Faszination für die digitale Revolution wie für alternative Lebensentwürfe, für Utopien, die man eher fern von den Städten fand. Es war die hohe Zeit der Hippies und Kommunen. Und der eigentliche Beginn des Silicon Valley, aber das ist eine andere Geschichte.

Schöpferisches Handwerk vs. entfremdete Arbeit
Es sollte sich als Konstante erweisen: Handwerk erfuhr Aufwertung immer als Echo auf die Industrialisierung und eine damit einhergehende «Entmenschlichung». Die Idee der «entfremdeten» Arbeit ist auch ein zentrales Konzept im Werk von Karl Marx. Allerdings stolpern wir hier über ein wortwörtliches Standesproblem: Die Arbeiterbewegung hat eben nicht eigentlich den Handwerker im Sinn, das Proletariat steht noch eine Stufe tiefer. Man nannte die im 19. Jahrhundert während der Industrialisierung entstandene Arbeiterklasse deshalb auch den «vierten Stand». Er umfasste lohnabhängige Arbeiter, Tagelöhner und Fabrikarbeiter, die sich von den drei traditionellen Ständen (Adel, Klerus, Bürgertum – dazu gehörte auch das Handwerk) abgrenzten.

Blickt man noch weiter zurück, stösst man bei den Griechen zunächst auf Hephaistos, den Gott des Handwerks, des Feuers und der Schmiedekunst. Als Schmied der Götter fertigte er Donnerkeile für Zeus oder Waffen für Achill an. Die alten Griechen benutzten dementsprechend das Wort «demioergos» sowohl umgangssprachlich für den Handwerker sowie in der philosophischen und theologischen Fachsprache auch für das Prinzip «Gott» als Schöpfer. Gleichzeitig galt körperliche Arbeit bei den Griechen als verächtlich. Aristoteles brauchte den Begriff «demiurg» nicht mehr, er wechselte auf «cheirotechnon», was schlicht Hand-Arbeiter bedeutet. Denselben Spagat findet man später auch bei Hannah Arendt, die in ihrem Werk «Vita activa» vom «Homo faber» sprach, dem schaffenden Menschen, der für sie janusköpfig daherkommt. Im Handwerk agiert der Mensch als Gestalter, der den «Sinn» von Dingen bestimmt – in Abgrenzung zum Arbeiter, der bloss wiederkehrende Aufgaben verrichtet. In Form des modernen Ingenieurs sah Arendt den «Homo faber» aber auch als Urheber einer instrumentellen und zerstörerischen Weltsicht.

Zünfte – und Krise
In der Eidgenossenschaft wiederum spielte das Handwerk von Anfang an eine wichtige Rolle, vor allem in den Städten – bereits im 13. Jahrhundert bildete es das Rückgrat der Stadtwirtschaft. Dass das Handwerk neben dem Handel wesentlich zur Prosperität der spätmittelalterlichen Städte beitrug, spiegelte sich auch in der gesellschaftlichen Stellung. Bald schloss sich die Handwerkerschaft in Bruderschaften zusammen und erlangte – nach Bauern, Klerikern, Rittern und Handelsleuten – endlich auch «Stand». Bekannter als die Bruderschaften wurden die darauffolgenden Zünfte, die über Jahrhunderte die Grundlage des Wirtschaftslebens waren. 

Doch mit der Industrialisierung kam die Krise. Die sich als Chance erweisen sollte, wie so oft. Der Wirtschaftsaufschwung Ende des 19. Jahrhunderts sorgte für einen längst fälligen Strukturwandel im Handwerk – die Zünfte hatten mit ihrem Protektionismus eher für Versteinerung gesorgt. Viele Berufe verschwanden, wurden von der Industrie aufgesogen oder retteten sich in ein Nischendasein als Flickberufe (wie zum Beispiel die Schuhmacher, siehe auch Online-Artikel). Andererseits entstanden nun eine Vielzahl neuer gewerbliche Berufe wie Karosseriebauer, Installateur, Elektriker, Monteur, Garagist, Radioelektriker, Fotograf. Richard Sennett beschreibt auch, wie anstelle der Werkstätten nun Stahlwerke und Fabriken die neuen Arbeitsstätten waren, und welche nachteiligen Sozialstrukturen das mit sich brachte. Ähnlich wie der «Catalog»-Herausgeber Stewart Brand findet aber auch Sennett Hoffnung in aktuellen digitalen Entwicklungen. Beispielhaft für ihn ist das Phänomen Linux, bei dem ganze Betriebssysteme ohne Gewinnabsicht entstehen. Hier seien auch «Handwerker» zugange, denen es in erster Linie um Erfüllung beim Machen gehe, um das Fertigen eines per se guten Produkts. Der Linux-Erfolg bestehe in einem «technologischen Handwerk: die enge, fliessende Verbindung zwischen Problemlösen und Problemfinden», schreibt er in seinem Handwerk-Buch.

Die Geschichte setzt sich offenbar fort: Handwerk wird obsolet, Handwerk erfindet sich neu. Oder wie schon der römische Autor Petronius zu Neros Zeiten bemerkt haben soll: «Handwerk stirbt nie!»

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