Die Polsterei und Sattlerei Hoher in Zürich besteht seit 1868 und wird von Ursula Hoher in vierter Generation geführt. Wie ein solch traditioneller Handwerksbetrieb heute bestehen kann, zeigt ein Besuch in ihrem Atelier.
Es gibt ungefähr 8 Milliarden Menschen auf der Welt. Man kann davon ausgehen, dass ein beträchtlicher Teil nicht genug Geld hat, um sich regelmässig neue Schuhe zu kaufen. Und trotzdem beläuft sich die globale Schuhproduktion auf unfassbare 24 Milliarden Paar jährlich. Dass diese Masse an Schuhen nicht in Handarbeit gefertigt werden, versteht sich. Die Schuhmode wie auch die -herstellung haben sich radikal verändert seit ihren Ursprüngen als reines Schuhmacherhandwerk. Und trotzdem: ein erstaunlich grosser Teil der Arbeit auch industriell gefertigter Schuhe bleibt beim Menschen. Während in Branchen wie der Automobilindustrie Roboter inzwischen fast die ganze Produktion übernehmen, lässt sich die Schuhherstellung nur schwer vollautomatisieren. Und so macht selbst bei günstiger Massenware von Menschen erledigte Handarbeit oft noch über 60 bis 70 Prozent der gesamten Fertigung aus.
Eben das ist der Hauptgrund dafür, dass die Industrie immer mehr in Niedriglohnländer abwandert und dabei die Lieferketten immer weiter verschleiert. Man kennt das System: «Die Mobilität des Kapitals hat in Verbindung mit Outsourcing-Strategien das perfekte Umfeld geschaffen, um Arbeitsbedingungen und Löhne kontinuierlich nach unten zu drücken», wie Public Eye 2017 im Report «The real cost of our shoes» schrieb. Und das gilt nicht nur für billige Turnschuhe, sondern zusehends auch für Luxusmarken, die uns suggerieren, dass sie auf lokales Handwerk setzen. In Italien, das für gut die Hälfte der Luxuskleidungs-Herstellung besorgt ist, hat die Staatsanwaltschaft in den letzten Jahren weitverbreitete Missstände aufgedeckt. Im Mai 2025 unterzeichneten italienische Justiz- und Politikvertreter, Verbände der Modebranche und Gewerkschaften schliesslich einen Aktionsplan zur Bekämpfung der Ausbeutung; rechtlich bindend ist er nicht.
Kaum ersetzbare Handarbeit
Aber es existiert natürlich auch noch: das ehrliche Handwerk. Eine Freundin absolvierte während des Modestudiums ein Praktikum bei einem italienischen Schuhdesigner. Sie erzählte von Besuchen in abgelegenen Weilern in der Marche-Region, bei alten Männern in ihren kleinen Werkstätten, wo noch das alte Handwerk des Lederschuhmachens gepflegt wird. Jeder hätte seine eigene Spezialität im Herstellungsprozess gehabt, hin und wieder sei der Auftraggeber vorbeigekommen, um die Schuhe abzuholen. Bezahlbar ist dieser Aufwand nur für eine kleine Klientel, ein Paar Maurizio Altieri-Schuhe kommt leicht auf 3000 Franken zu stehen. Tatsächlich werden handgefertigte Lederschuhe nach wie vor von erfahrenen Handwerkern hergestellt, für einen Schuh sind um die 200 Arbeitsschritte nötig. In Serienfertigung kann das auch ein wenig günstiger werden, aber auch so kostet ein rahmengenähter Schuh aus einer Manufaktur noch zwischen 300 und 800 Franken.
Man liest immer mal wieder von Bemühungen in Italien, dieses Fachwissen für die Luxusmode zu erhalten, in eigens erstellten Zentren, geschützte Werkstätten gewissermassen, subventioniert durch die nach oben offenen Preise im Luxussegment. Der Chef der Marke Tod’s, Diego Della Valle, präsentiert seinen «Campus» in Casette D’Ete (ebenfalls in der Marche-Region) beispielsweise so: «Wir haben ein gutes Arbeitsumfeld, umgeben von Natur. Drinnen arbeiten die Leute wie vor 100 Jahren. Das ist der grosse Unterschied zwischen uns und vielen anderen Marken, die eher Marketingunternehmen sind.» Ach ja? Ende 2025 geriet die Firma ebenfalls in den Strudel der Untersuchungen in Italien. Die Mailänder Staatsanwaltschaft wirft dem Unternehmen vor, von der Ausbeutung von Arbeitskräften in den Werkstätten seiner italienischen Zulieferer vollumfänglich gewusst zu haben – im Massenmarkt stellt sich die Situation nämlich gänzlich anders dar als in der Altieri-Idylle. Die Staatsanwaltschaft verhängte deshalb ein sechsmonatiges Verbot von Tod's-Werbung für Luxusgüter.
Hightech-Produktion in Zürich
Bei Lederschuhen wird Handarbeit auch auf längere Sicht nicht so leicht zu ersetzen sein, bei Turnschuhen dagegen ist man Hightech gegenüber durchaus aufgeschlossen, auch aus Marketing-Gründen. Und so tauchen derzeit auch die ersten vollautomatisch gefertigten Schuhe auf dem Markt auf. Die Schweizer Marke On zum Beispiel stellte unlängst ihre «LightSpray»-Technologie vor, bei dem der obere Teil des Schuhs mit einer Düse geformt wird. Der gesamte Schuhoberteil wird von einem Roboterarm aus 1,5 Kilometern sogenannten Filaments, dünnen Kunststoff-«Drähten», in nur drei Minuten vollautomatisch aufgebaut, Schuhe gewissermassen aus dem 3D-Drucker. Vier dieser Roboter sind in Zürich im Einsatz, viele weitere sollen an verschiedenen Standorten im Ausland dazukommen. Die Pressemeldung liest sich wie ein ironischer Kommentar zur aktuellen Situation der Schuhindustrie: «On hat gestern in Zürich den weltweit ersten Produktionsstandort der revolutionären LightSpray™-Technologie feierlich eingeweiht. Damit hat sie ihre im vergangenen Jahr vorgestellte Innovation – die vollautomatisierte Produktion von Performance-Laufschuhen mittels Robotern – erfolgreich skaliert. Gleichzeitig bringt On damit die traditionelle Schuhproduktion zurück nach Zürich.» Kostenpunkt, ganz ohne menschliche Arbeitsleistung: 380 Franken.

