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17.06.2026 von Stefan Boss

Von der Corbusier-Liege bis zum Schulthek

Die Polsterei und Sattlerei Hoher in Zürich besteht seit 1868 und wird von Ursula Hoher in vierter Generation geführt. Wie ein solch traditioneller Handwerksbetrieb heute bestehen kann, zeigt ein Besuch in ihrem Atelier.

Artikel in Thema Handwerk
Illustration: Claudine Etter

Die Polsterei und Sattlerei Hoher liegt in einer unscheinbaren Querstrasse im Zürcher Seefeldquartier: ein langer Raum mit Arbeitstischen, alten Stühlen und Sofas. An den Wänden hängen Dutzende, zum Teil kaum bekannte Werkzeuge. Ursula Hoher, in weisser Bluse und farbigem Foulard, näht an einem Überzug aus Leder. Sie restauriert gerade eine alte Chaiselongue. Dazu benutzt sie keine herkömmliche Nähmaschine, sondern eine grosse graue Zwillingsschwester (deutsche Marke Adler) mit dicken Nadeln, um das Leder durchdringen zu können. 

«Diese Nähmaschine kostete mich damals soviel wie die Hälfte eines Mittelklassenwagens», sagt Hoher. Nachfolgeprodukte stammen inzwischen aus China und seien für 5000 bis 6000 Franken zu haben. Aber nicht nur die Profi-Maschinen (sie hat drei Stück davon), auch alles andere in Hohers Werkstatt ist grösser als in einem Haushalt: Die Schere hat riesige Löcher als Griffe, die Stecknadeln erbsengrosse Köpfe – und das Nadelkissen würde auch als Sofakissen durchgehen. Ein türfallengrosser Hebel an der Wand, mittels dem man die Stromspannung bis auf 500 Volt aufdrehen konnte, ist mittlerweile nicht mehr in Betrieb, wie Hoher schmunzelnd anfügt. 

Als erste Frau in der Generationenfolge
Die Berufslehre machte Ursula Hoher als Innendekorateurin, es folgten Meisterprüfung und fürs Kaufmännische eine Abendschule. Ihre Polsterei und Sattlerei ist ein Familienunternehmen, Hoher betreibt es in der vierten Generation. Die Lehre absolvierte sie in einer anderen Firma, konnte aber anschliessend im Geschäft des Vaters nähen, schneiden und flicken – und übernahm es schliesslich vor rund 30 Jahren. Dass sie dies als erste Frau in der Generationenfolge tat, störte ihren Papa nicht. Er half ihr noch einige Jahre weiter aus, das fand sie sehr schön. Während ihrer Ausbildung seien auf vier Frauen etwa 20 Männer gekommen, erinnert sie sich. Heute sei das Geschlechterverhältnis gerade umgekehrt. Ob die Lernenden nach der Ausbildung eine Stelle finden, stehe jedoch auf einem anderen Blatt. 

Hohers Laden wurde 1868 durch ihren Urgrossvater eröffnet, der aus Deutschland nach Zürich gekommen war. Damals, zwei Jahrzehnte nach der Gründung der modernen Schweiz, hatte das Handwerk einen grösseren Stellenwert. Es wurde aber bereits durch aufstrebende Fabriken und Massenproduktion bedrängt. 1879 erfolgte die Gründung des Schweizerischen Gewerbeverbands, der dem Handwerk und dem Kleingewerbe neben den Arbeitern, Unternehmerinnen und Bauern im politischen Kräftemessen eine Stimme gab. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts verdrängte die Industrie bereits gewisse handwerklichen Berufe wie Seifensieder, Kammmacher und Nagelschmied, wie im Historischen Lexikon der Schweiz zu lesen ist. Andere Tätigkeiten entwickelten sich zu Flickberufen. 

Nicht nur für Reiche
Das Flicken alter Polstermöbel und Stühle hat einen wichtigen Anteil an Ursula Hohers Tätigkeit. So polstert sie einen alten Stuhl auf und setzt zeigfingergrosse Drahtfedern ein, damit er wieder eine Spannung erhält. Oder sie näht für eine Liege nach Plänen des Architekten Le Corbusier einen neuen Lederüberzug. Das Handwerk habe sich in den letzten 150 Jahren eigentlich kaum verändert, meint sie. Für ihre Tätigkeiten verwendet sie heute kaum noch bekannte Werkzeuge wie Stanzeisen, um ein Stück Leder herauszuschneiden. Oder Gurtspanner: Das sind Spezialwerkzeuge, um die Polsterung von Sitzen und Rückenlehnen fest und stabil zu halten. Doppelspitz-Nadeln schliesslich dienen dazu, Polster durchzunähen und Polsterknöpfe einzuziehen. 

Sind ihre Klienten vor allem Reiche? «Es kommen auch Menschen mit wenig Geld, die zum Bespiel ein altes Erbstück restaurieren wollen», erzählt Hoher. Und langweilig werde es ihr eigentlich nie: «Einige Kundinnen und Kunden erzählen mir das halbe Leben». 

Beliebte Kindergartentaschen und Schultheks
Bloss einen «Flickberuf» wollte Ursula Hoher jedoch nicht ausüben. Als ihr Sohn in den Kindergarten kam, schneiderte sie für ihn ein «Znünitäschli». Später für den Unterricht fertigte sie Schultheks an. Diese schneidet sie aus bunten Blachen, sie sind auch mit Kuhfell auf der Rückseite erhältlich – eine Art Retrolook. Die kleinen Preziosen kosten knapp 200 Franken und wurden immer beliebter. Auch deshalb, weil die Kinder auf der Rückseite eine Postkarte einstecken und auf diese Weise das Design wechseln können. Heute verkauft Hoher von diesen farbigen Schultaschen bis zu 150 Stück pro Jahr. Die breitformatigen Karten mit Geparden- und Löwenmotiven zum Einstecken bietet sie in ihrem Laden gleich neben dem Eingang an. 

Ein Vorteil ist, dass sie an diesen Schultheks unter dem Label Rintin immer dann arbeiten kann, wenn sie sonst keine Aufträge hat. Sie macht jeweils gleich eine ganze Serie von 80 Stück gleichzeitig. «Es wäre zu kompliziert, die Maschinen für die einzelnen Arbeitsgänge immer wieder neu einzustellen», erklärt Hoher.

Sitzbänke für die EPA und Rucksäcke für die Armee
Ihr Grossvater fertigte noch Skistöcke aus Haselholz an, die unten am Teller Lederrosetten aufwiesen. Und Skis konnten damals ähnlich wie heute Tourenskis mit einem Fell bespannt werden – es stammte jedoch von Seehunden. Zudem war er als Polsterer von Stühlen und Sofas tätig. Einfache Lederarbeiten vergab er in Heimarbeit von der Stadt Zürich bis ins Toggenburg. Später ummantelte ihr Vater die Bänke in den Restaurants der inzwischen eingegangen Supermarktkette EPA mit Lederbezügen. Solche Qualitätsarbeiten hatten ihren Preis, aber die Möbel hielten auch um ein Mehrfaches länger als die heutige Billigware. 
«Es gibt Leder und Leder», erklärt Hoher und weist auf einen Stuhl, der noch bespannt werden muss. Die oberste Schicht einer Tierhaut sei am besten, die unteren Schichten mindere Qualität. «Man sieht es dem Leder auf einem neuen Stuhl zunächst nicht an, von welcher Qualität es ist». Dies merke man erst mit den Jahren, wenn es zum Beispiel schnell rissig werde. Ein grosses Auftragsvolumen sicherte ihrem Vater schliesslich die Armee: Er stellte für sie Rucksäcke mit Lederriemen her. Solche Tragbeutel haben heute keine Bestandteile mehr aus Leder, alles besteht nur noch aus Kunststoff. 

Steigende Mieten als Problem
Wie kann Ursula Hoher in ihrem Beruf überleben? «Die goldenen Zeiten des Handwerks, wie sie mein Grossvater noch erlebte, sind vorbei», erklärt sie. Sie konnte sich und ihren Sohn zwar 30 Jahre lang durchschlagen, reich wurde sie damit nicht. Ein grosses Problem seien die steigenden Mieten im Zürcher Seefeldquartier. Dieses befindet sich quasi im Vorland der sogenannten Goldküste am rechten Zürichseeufer und wandelte sich in den letzten Jahrzehnten vom Arbeiterquartier zu einem reicheren Viertel. Hoher geht davon aus, dass sie bei der Pensionierung in ein paar Jahren keine Nachfolge finden wird. Und verkaufen könne sie das Geschäft schon gar nicht; denn: «Der Kundenstamm ist kaum etwas wert, da – anders als bei einem Coiffeurgeschäft – die gleichen Kunden nur etwa alle 15 Jahre vorbeikommen.» Zudem seien die teuren Nähmaschinen veraltet, jedoch auch amortisiert. Kurz darauf klingelt das Telefon, und ein alter Kunde meldet sich. Es handelte sich tatsächlich um jemanden, der ihr vor über einem Jahrzehnt schon einmal einen Auftrag erteilt hatte. Er will er in den nächsten Tagen wieder vorbeikommen. 

Würde sie ihren Beruf heute nochmals wählen? «Meine Arbeit gefällt mir noch immer sehr gut, ich mache sie mit Leidenschaft.» Auch sehe man am Abend jeweils, was man getan habe, das sei ein schönes Gefühl. Andererseits kann Ursula Hoher sehr gut verstehen, dass ihr Sohn einen anderen Beruf anstrebt und Wirtschaft studiert. Eine fünfte Generation in der Polsterei und Sattlerei wird es also kaum geben. Aber wer weiss, fügt sie noch an, vielleicht kommen für dieses Handwerk «wieder einmal bessere Zeiten.»

Foto: Stefan Boss
Ursula Hoher in ihrem Atelier im Zürcher Seefeld-Quartier.
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