101
17.06.2026 von Diane Zinsel

Vom Büro in die Werkstatt

In der Schweiz hängen jedes Jahr mehrere Menschen ihren Schreibtischjob an den Nagel, um sich einer handwerklichen Tätigkeit zu widmen. Sinnkrise, Bedürfnis nach Freiraum oder Systemkritik: Die Gründe für eine Neuorientierung sind vielfältig.

Artikel in Thema Handwerk
Illustration: Claudine Etter

Nachdem sie jahrelang als Grafikerin in internationalen Unternehmen gearbeitet hatte, beschloss Manon Koopman, einen neuen Weg einzuschlagen und Weberin zu werden. Emilien Dessimoz hat seinen Job als Maschinenbauingenieur aufgegeben, um mit seinen Händen mehr zu bewegen als nur eine Computermaus. Obwohl sie nicht die Einzigen sind, die diesen Schritt gewagt haben, ist der Sprung vom Bürojob ins Handwerk in der Schweiz ein schwer messbares Phänomen. Eine Auswertung zur beruflichen Mobilität des Bundesamts für Statistik deutet darauf hin, dass bei jedem dritten Stellenwechsel auch ein Berufswechsel erfolgt. «Dabei lässt sich ein Wechsel in einen handwerklichen Beruf jedoch nicht gesondert erfassen», erklärt Aris Martinelli, Forscher an der Hochschule für Sozialarbeit und Gesundheit in Lausanne (HETSL). Er unterstreicht aber einen wichtigen Punkt: Unter den Gründen für eine Neuorientierung kommt der Sinnverlust der eigenen Arbeit direkt hinter zwingenden Umständen wie einer Entlassung oder einem Gesundheitsproblem.

Aus dem Teufelskreis ausbrechen
Was ist denn eine sinnvolle Tätigkeit? Der Forscher verweist auf das Buch «Redonner du sens au travail» (2022), in dem Thomas Coutrot und Coralie Perez den Sinn anhand von drei Dimensionen definieren: die soziale Nützlichkeit, die ethische Übereinstimmung zwischen den Werten des Individuums und denen des Arbeitgebers sowie die persönliche Selbstentfaltung. In diesem Kontext umfasst der letzte Begriff die Möglichkeit, beruflich weiterzukommen und eine materielle oder symbolische Anerkennung zu erhalten. «Wenn eine dieser drei Dimensionen verloren geht, fangen die Menschen an, sich zu hinterfragen. Danach versuchen sie, den Sinn wiederherzustellen, indem sie entweder ihre beruflichen Praktiken ändern oder sich einem handwerklichen Beruf zuwenden», unterstreicht Aris Martinelli. Er definiert das Handwerk als «eine kreative Tätigkeit im weitesten Sinne, bei der die Person den gesamten Vorgang von der Idee bis zum Endprodukt beherrscht».

Genau das ist Emilien Dessimoz passiert. «Es kam der Moment, in dem ich mich fragte, was ich da eigentlich tue: Auf dem Bildschirm Industriemaschinen entwerfen, die immer mehr Plastikschalen noch schneller herstellen können. Der gesamte Prozess widersprach meinen Überzeugungen. Ich hatte den Wunsch und das Bedürfnis, draussen zu sein und mit meinen Händen zu arbeiten», erzählt der Ingenieur, der inzwischen oberhalb von Premploz (VS) einen eigenen Bauernhof aufgebaut hat. Es vergeht kein Tag, an dem er nicht eine Maschine repariert oder sich auf seinem «sehr extensiven» Betrieb um die Tiere kümmert.

Auch Manon Koopman arbeitete mehrere Jahre in einer Firma, deren Werte überhaupt nicht mit ihren eigenen übereinstimmten. Die sehr repetitive, eintönige Arbeit sowie das vorgegebene Tempo erschöpften sie. «Ich machte mich auf die Suche nach einer kreativen, handwerklichen Arbeit, um mir eine Atempause zu gönnen. Ich hatte das Bedürfnis, Dinge für eine reale Welt von A bis Z selbst herzustellen. Mit dem Weben konnte ich den Teufelskreis durchbrechen, der mich krank machte», erinnert sie sich.

«Für manche ist das Handwerk eine Berufung, eine Aufgabe im öffentlichen Interesse, für andere ein Ausweg aus einer unbefriedigenden Arbeit», erklärt Judith Nyfeler, Forscherin für Wirtschaftssoziologie an der Universität St. Gallen. Um die neue Popularität des Handwerks zu verstehen, führte sie zwischen 2020 und 2023 Interviews durch und besuchte Werkstätten, Ateliers und Kunsthandwerksmärkte. «Während der Corona-Pandemie hatte die Bevölkerung mehr Zeit, die sie nutzte, um mit den Händen etwas zu tun. Es wurde Brot gebacken, Bier gebraut, gestrickt oder im Garten gearbeitet. Einige haben solche Aktivitäten auch nach der Pandemie beibehalten», erklärt sie. «Andere haben erkannt, dass die Umstrukturierungen zur Optimierung von Arbeitsprozessen handwerkliche Elemente beseitigt und ihren (letzten) Freiraum eingeschränkt haben», pflichtet Aris Martinelli bei.

Ode an die Langsamkeit
Bei Neuorientierungen begegne man oft einer unausgesprochenen Kritik an der industriellen Arbeitslogik, ohne dass es zu einem vollständigen Bruch komme, erklärt Nyfeler von der Universität St. Gallen «Die Handwerker, die ich interviewt habe, schaffen kein alternatives System zum Kapitalismus, wollen ihn aber auch nicht weiter fördern. Sie wollen weder expandieren noch neue Produkte anhäufen, sondern sich einfach selbst finanzieren, ohne ein ungesundes Tempo einhalten zu müssen. Sie schätzen Funktionalität und Langsamkeit und ihre Kundschaft akzeptiert es», so die Soziologin weiter. 

Manon Koopman stellt vor allem Schals, Accessoires und dekorative Objekte her. «Ich finde es schön, wenn die Leute Stoffe kaufen, die meiner Fantasie entsprungen sind. Das ist sehr erfüllend», erzählt die Weberin, die den Austausch beim Verkauf ihrer Artikel sehr schätzt.

Eine Luxusfrage
Eine unbefriedigende Arbeit aufzugeben, ist aber auch ein Luxus. «Wenn man weder die Zeit noch die Möglichkeit hat, sich zu fragen, was man gerne tun würde und wie man dieses Ziel erreichen kann, ist eine Neuorientierung schlicht nicht möglich», betont Judith Nyfeler. «Manche Neuorientierungen werden durch finanzielles Kapital ermöglicht, beispielsweise durch eine Erbschaft oder einen Partner bzw. eine Partnerin mit festem Verdienst, das einen Einkommensverlust abfedern kann», ergänzt sie.

Verschiedene Studien zeigen, dass Menschen aus prekären Verhältnissen sowie Frauen weniger dazu neigen, sich beruflich neu zu orientieren. Wenn Letztere häufiger den Beruf wechseln als Männer, tun sie dies eher aufgrund äusserer Umstände als aus einer Sinnfrage heraus. «Trotzdem kam es während der Covid-Pandemie in Ländern wie der USA zum Phänomen der Great Resignation», bemerkt Aris Martinelli. «eine massive freiwillige Kündigungswelle, die alle sozialen Schichten, Geschlechter und Berufe betraf. Sie waren alle unzufrieden mit ihrer Arbeit, ihrem Gehalt und den unflexiblen Bedingungen, die sich in jener Zeit noch verschärft hatten – also mit allen Faktoren, die zu einem Sinnverlust führen», fährt der Soziologe fort. 

Emilien Dessimoz wartete auf den richtigen Moment. «Sobald ich als Landwirt anerkannt wurde, nachdem ich mehrere Jahre lang neben meiner Tätigkeit als Ingenieur Ziegen gezüchtet hatte, beschloss ich, einen Hof aufzubauen und zu kündigen. Ich hatte genug Geld, um ein Jahr durchzuhalten, und war mir mehr oder weniger sicher, dass ich wieder Arbeit finden würde, sollte es mit dem Hof nicht funktionieren. Heute ist mir bewusst, dass es ein Luxus war, dieses Abenteuer einigermassen gelassen angehen zu können», erzählt er.

Menschen, die sich eine Kündigung nicht leisten können, verfolgen oft die Strategie des «Quiet Quitting» (Stille Kündigung): Sie leisten nicht mehr als das absolute Minimum. Andere wiederum konzentrieren sich auf die perfekte Ausführung bestimmter Aufgaben. Und wieder andere klammern sich an die Idee, dass sie Leidenschaft für ihren Beruf empfinden und dafür Opfer bringen müssen», erläutert Aris Martinelli.

Das Gleichgewicht finden und sich weiterhin hinterfragen
Durch den Berufswechsel hat Manon Koopman, die ihr Atelier in ihrem Haus in Rue (FR) eingerichtet hat, einen Weg gefunden, ihren Körper in der Gegenwart zu verankern. Nach drei Burnouts war die ehemalige Grafikerin physisch und psychisch am Ende. Die Webkunst habe ihr geholfen, wieder auf die Beine zu kommen. «Das Einrichten des Webstuhls erfordert Konzentration, aber die Tätigkeit an sich ist sehr meditativ. Der ganze Körper ist dabei im Einsatz, die Bewegung ist repetitiv und man sieht, wie der Stoff mit jedem Durchgang des Weberschiffchens nach und nach Gestalt annimmt», erklärt die Weberin, die hofft, mittelfristig von dieser Arbeit leben zu können.

Was Emilien Dessimoz betrifft, so hat der Rhythmus der Jahreszeiten den Druck des «Immer-schneller» abgelöst. Die Fragen, die ihn beschäftigen, sind jedoch geblieben. «Hat die Tätigkeit, die ich ausübe, einen Sinn? Kann ich sie selbst, mit meinen Händen ausführen? Trägt diese Arbeit etwas zur Gesellschaft bei? Diese Fragen sind immer präsent.»

Artikel ausdrucken
Verwandte Artikel

Von der Corbusier-Liege bis zum Schulthek

Die Polsterei und Sattlerei Hoher in Zürich besteht seit 1868 und wird von Ursula Hoher in vierter Generation geführt. Wie ein solch traditioneller Handwerksbetrieb heute bestehen kann, zeigt ein Besuch in ihrem Atelier.

17.06.2026 von Stefan Boss

Aus Feuer und Stahl

Johan Leutwiler ist Schwertschmied in Japan. Jeden Tag schmiedet der Walliser mit präzisen Hammerschlägen traditionelle Schwerter – der Schönheit wegen.

17.06.2026 von Diane Zinsel

Von Schuhmachern

Wie viel Handwerk steckt in einem Schuh? Erstaunlich viel. Zumindest wenn man einen klassischen Lederschuh fertigen will und nicht einen Hightech-Sneaker. Luxus darf man wohl beides nennen.

17.06.2026 von Roland Fischer
Artikel nur online