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17.06.2026 von Katharina Wehrli

Ein hartes Pflaster

Viele Handwerksberufe sind nach wie vor Männerdomänen. Insbesondere in den Bau- und Installationsberufen bilden Frauen eine verschwindend kleine Minderheit. Warum ist das so? Und was braucht es, damit es künftig mehr Handwerkerinnen gibt?

Artikel in Thema Handwerk
Foto: Aleksandar Georgiev via Getty Images

«Ich liebe Baustellen», sagt Katharina Riedl, «Ich mag das Material und die Menschen dort. Die Baustelle ist einfach der Ort, an dem ich sein möchte.» Die gebürtige Österreicherin ist ausgebildete Architektin und arbeitet in Zürich als Bauleiterin sowie selbständige, auf Lehmbau spezialisierte Handwerkerin. Zusammen mit anderen Handwerkerinnen hat sie das Kollektiv «gemeinsam bauen wir neu» gegründet. Mit regelmässigen Stammtischen und gemeinsamen Projekten wollen Riedl und ihre Kolleginnen Frauen in Handwerksberufen vernetzen, stärken und selbstermächtigen. Ihr wichtigstes und bislang grösste Projekt ist ein Handwerkerinnen-Verzeichnis, in dem sich Personen eintragen können, die selbständig oder angestellt in der Baubranche tätig sind. Das Verzeichnis macht es für Auftraggeberinnen und Auftraggebern einfacher, die spezifisch nach Frauen suchen: «Viele Architekt*innen wünschen sich, mit Handwerker*innen zusammenzuarbeiten», erklärt Riedl. «Auch aus diesem Grund haben wir das Verzeichnis gemacht – zur Vernetzung und um zu zeigen: Es gibt diese Handwerker*innen!»

Allerdings sind viele handwerkliche Berufe nach wie vor Männerdomänen: Nur gerade 2,5 Prozent aller erwerbstätigen Frauen arbeiten in einem Handwerksberuf (bei den Männern sind es 14,7 Prozent). Dabei gibt es grosse Unterschiede: Während Frauen in gewissen Berufen heute relativ gut vertreten sind (beispielsweise die Malerinnen und Schreinerinnen), bilden sie in den meisten Bau- und Installationsberufen eine verschwindend kleine Minderheit – was sich bereits in der Ausbildung zeigt: Laut Irene Kriesi, Soziologin und Professorin an der Eidgenössischen Hochschule für Berufsbildung EHB, waren im Jahr 2024 gemäss Zahlen des Bundesamts für Statistik bei den Maurern nur gerade 1,7 Prozent der Lernenden weiblich und bei den Sanitär- und Heizungsinstallateuren waren es lediglich 2,4 respektive 0,8 Prozent.

Geschlechterstereotypen aufweichen
Dass sich so wenige junge Frauen für eine Lehre in einem Bau- oder Installationsberuf entscheiden, erklärt Irene Kriesi unter anderem mit den gesellschaftlich geprägten Vorstellungen von «typisch weiblichen» oder «typisch männlichen» Berufen. «Man geht in der Forschung davon aus, dass Berufe und Berufsbilder nicht neutral sind, sondern– etwas plakativ gesagt – ein Geschlecht haben», sagt die Bildungsforscherin. «Das bedeutet, dass fachliche Fähigkeiten mit geschlechtlich konnotierten Fähigkeiten assoziiert werden.» Handwerksberufe und insbesondere die Bau- und Installationsberufen werden nach wie vor mit «typisch männlichen» Eigenschaften wie Körperkraft oder technischem Geschick verbunden. Das hat zwar nur beschränkt mit den effektiven Fähigkeiten von Mädchen und Jungen zu tun hat, bildet aber bei der Berufswahl eine hohe Hürde. Dazu Kriesi: «Für ein Mädchen ist es ein sehr grosser Schritt zu sagen: ‘Doch, ich werde jetzt Sanitärinstallateurin!’»

Abhilfe könnten hier mehr weibliche Vorbilder schaffen, ist die Spezialistin für Berufsbildung überzeugt. Eine Möglichkeit sei, Frauen stärker in den Vordergrund zu rücken, wenn die handwerklich-technischen Berufe an Schulen oder Berufsmessen vorgestellt werden. Auch Projekte wie das Handwerkerinnen-Verzeichnis spielen dabei eine Rolle. So erklärt Katharina Riedl von «gemeinsam bauen wir neu»: «Unser Verzeichnis ist ein wichtiges Instrument, weil es Sichtbarkeit schafft und jungen Personen zeigt, in welchen Branchen und Betrieben bereits Handwerkerinnen arbeiten.» Je sichtbarer Frauen werden, desto mehr weicht sich die gesellschaftliche Vorstellung des «typisch männlichen» Handwerkberufs auf – und desto vorstellbarer wird es für Mädchen, selbst einen solchen Beruf zu erlernen. 

Das Potenzial ausschöpfen
Gerade auch im Hinblick auf den Fachkräftemangel sei es wichtig, die Trennung zwischen «weiblichen» und «männlichen» Berufen weiter aufzuweichen, betont Irene Kriesi von der EHB. «Es gibt viele handwerkliche Betriebe, die Mühe haben, genügend passende Fachkräfte und Lernende zu finden. Aber durch den Fokus auf männliche Arbeitnehmende schöpfen sie 50 Prozent des Potenzials nicht aus.» Kriesi vermutet, dass sie die Fachkräftesituation entschärfen könnten, wenn es ihnen gelingen würde, mehr Frauen zu rekrutieren. Für die Bildungsforscherin ist es denn auch kein Zufall, dass der grösste Fachkräftemangel in jenen Berufen herrscht, die am stärksten weiblich oder männlich typisiert sind: in der Pflege und in den Bau- und Installationsberufen. Dass diesbezüglich grosse Veränderungen möglich sind, zeigt sich exemplarisch bei den Malerinnen und Malern: Während Frauen in der Branche vor einigen Jahrzehnten noch kaum vertreten waren, machen sie heute bei den Lernenden in der Deutschschweiz rund 40 Prozent aus, in einzelnen Kantonen sind sie sogar in der Mehrheit: So haben letztes Jahr in Luzern doppelt so viele Malerinnen wie Maler die Lehre abgeschlossen.

Mehr junge Frauen für eine handwerkliche Lehre zu begeistern, ist das eine. Das andere ist, sie auch längerfristig im Beruf zu halten. Denn viele Handwerkerinnen verlassen ihren erlernten Beruf wieder – entweder unmittelbar nach der Lehre oder einige Jahre später. So beispielsweise Sandra Fischer. Die Winterthurerin machte eine Lehre als Motorgerätemechanikerin und arbeitete zehn Jahre lang auf diesem Beruf. In dieser Zeit gründete sie mit Unterstützung der Fachstelle für Gleichstellung des Kantons Zürich das sogenannte Handwerknetz, in dem sich Handwerkerinnen vernetzen und austauschen können. Inzwischen hat Fischer sich zur technischen Kauffrau weitergebildet. Auch viele ihrer Kolleginnen, die sich im Handwerknetz engagierten, hätten sich inzwischen beruflich weiterentwickelt, erzählt die heute 30-jährige. Ausschlaggebend dafür sei oft der Lohn, denn: «Man verdient nach wie vor sehr schlecht in diesen Handwerksberufen – das ist unabhängig vom Geschlecht schwierig. Es gibt auch viele Männer, die diese Berufe verlassen, weil man mit diesen Löhnen nur schwer eine Familie ernähren kann.» Als weiteren Grund für den Wechsel nennt Fischer die starren Arbeitszeiten. In ihrer heutigen Tätigkeit als technische Kauffrau sei sie viel flexibler: «Als Handwerkerin muss man einfach zu bestimmten Zeiten den Kunden betreuen oder Geräte flicken.»

Teilzeit ermöglichen
Die Soziologin Irene Kriesi sieht in der starren Arbeitszeitstruktur einen wichtigen Grund dafür, dass viele Frauen die Handwerksberufe wieder verlassen: «In Männerdomänen ist Teilzeitarbeit kaum verbreitet. Die ganzen Arbeitsprozesse und die Arbeitsorganisation sind meistens darauf zugeschnitten, dass ein vollzeiterwerbstätiger Mann ohne Kinderbetreuungspflichten den Beruf ausübt.» Was dies beispielsweise auf dem Bau konkret bedeutet, beschreibt Katharina Riedl vom Kollektiv «gemeinsam bauen wir neu»: «Auf den Baustellen fängt die Arbeit in der Regel um 7 Uhr an, was viele Vorteile hat. Aber damit ist es praktisch unmöglich, Kinder am Morgen zu betreuen und beispielsweise in die Kita zu bringen. Am Abend hört die Arbeit zwar früh auf, aber dann ist man vielleicht erschöpft vom strengen Arbeitstag. Das heisst, es braucht eine Person, die im Hintergrund die Care-Arbeit macht.»

Einzelne Berufsverbände wie der Schweizerischen Maler- und Gipserverband (SMGV) sind denn auch darum bemüht, die Arbeitsbedingungen zu modernisieren und so dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken. Eine Umfrage, die der SMGV im Rahmen seines Projekts Teilzeitbau durchführte, zeigte, dass der Wunsch nach Teilzeit in der Branche weit verbreitet ist – bei Frauen und Männern. In Reaktion darauf lancierte der SMGV verschiedene Projekte, mit denen die Teilzeitstellen innerhalb der Maler- und Gipserbranche innerhalb von vier Jahren verdoppelt werden konnten. Auf seiner Website schreibt der SMGV dazu: «Die Erfahrungen zeigen, dass Teilzeitarbeit auf dem Bau nicht nur möglich ist, sondern auch Vorteile hat. Nachahmen erlaubt!» Inwiefern andere Berufsverbände dieser Aufforderung folgen werden, wird sich zeigen müssen.

Lernende schützen
Die frühere Motorgerätemechanikerin Sandra Fischer berichtet noch von einer weiteren Herausforderung, mit der Frauen in männerdominierten Berufen konfrontiert sind: Als Frau – und damit Minderheit – stehe man unter ständiger, kritischer Beobachtung. «Alle haben dich im Blick, weil du die einzige bist», erzählt sie. «Bei Männer ist der Toleranzbereich viel grösser, etwa wenn sie einen Fehler machen.» Auch Irene Kriesi von der EHB hält fest, dass stark männerdominierte Berufe für Frauen teilweise «ein extrem hartes Pflaster» seien, und erläutert: «Die Forschung zeigt, dass Menschen in einer totalen Minderheitsposition viel sichtbarer sind und ihre Arbeit in der Regel viel kritischer angeschaut wird als jene der Mehrheit.» In der Folge stehen Frauen unter ständigen Druck sich beweisen zu müssen. Oder, wie Sandra Fischer sagt: «Der Fokus lag auf mir als Frau in diesem Beruf. Da muss man sich behaupten und zeigen: Da bin ich, und ich kann das auch.»

Besonders spürbar ist dieser Druck auf Baustellen. Das mag damit zusammenhängen, dass der Zeit- und Kostendruck auf dem Bau sehr hoch ist und oft ein raues Arbeitsklima herrscht. Bauleiterin Katharina Riedl hebt die komplexen, oft ausbeuterischen Machtverhältnisse auf dem Bau hervor, die einen Nährboden für Sexismus und Mobbing bilden: «Man muss sich Baustellen als sehr hierarchische Orte vorstellen. In diesem Sinn sind sie klassistisch, rassistisch und sexistisch. Als Frau wird man sexualisiert, hört Sprüche, die eigene Leistungsfähigkeit wird in Frage gestellt.» Da brauche es Vorgesetzte, die sich bei Konflikten hinter die diskriminierte Person stellen, sagt Riedl. Besonders wichtig sei dies bei Lernenden; denn: «Es sollte nicht an den jungen Menschen sein, sich gegen sexistische Übergriffigkeit zur Wehr setzen oder problematisches Verhalten ansprechen zu müssen. Gerade in der Ausbildungssituation wollen sich viele nicht exponieren.»

Irene Kriesi betont in diesem Zusammenhang die Bedeutung insbesondere von Berufsbildnerinnen und -bildnern: «Für Lernende muss immer klar sein, wer für sie die Ansprechperson ist und dass diese immer verfügbar ist.» Es gehe darum, so Kriesi weiter, Schwellen möglichst abzubauen, sodass junge Frauen, die von Sexismus und Mobbing betroffen sind, «sich ohne Hemmungen wehren und zum Berufsbildner oder zur Vorgesetzten gehen und erzählen können, was passiert ist. Dann können diese auch eingreifen.» Ein solcher Support gehöre eigentlich zu einer guten Ausbildungsqualität. Aber: «Je nachdem wie ein Betrieb aufgestellt ist, kann das besser oder schlechter gewährleistet werden, auch von den Betriebsstrukturen her.» 

Warum Vernetzung nötig ist
Wenn eine solche Unterstützung innerhalb eines Betriebs nicht gewährleistet ist, kann der Austausch mit anderen Frauen in einer ähnlichen Situation helfen. Nur: Während es in vielen Branchen Frauennetzwerke gibt – etwa bei den Ärztinnen, Juristinnen oder Unternehmerinnen – sind sie bei den Handwerksberufen noch relativ selten. So erzählt Sandra Fischer über ihre Zeit als Motorgerätemechanikerin: «Als ich 22 oder 23 Jahre alt war, suchte ich ein solches Netzwerk, aber es gab keins.» Deshalb habe sie sich entschieden, selbst ein solches Netzwerk zu gründen: «Es tat mir persönlich sehr gut, mich im Rahmen des Handwerknetz’ mit anderen Frauen auszutauschen, die genau wussten, wovon ich sprach», erzählt sie. «Dieser Austausch war für mich Gold wert.» Ähnliches berichtet Katharina Riedl vom Kollektiv «gemeinsam bauen wir neu»: «An unserem Stammtisch kann man erzählen, was gerade passiert ist. Das ist gerade auch für Lernende wichtig. Sie bekommen Unterstützung von anderen Handwerkerinnen, die schon mehr Erfahrung haben.» 

Dranbleiben

Diese gegenseitige Bestärkung ist wichtig. Denn für Veränderungen hin zu einer offeneren Arbeitskultur braucht es einen langen Atem. Das betont auch Sandra Fischer: «Eine Arbeitskultur von Grund auf neu aufzubauen, damit Männer und Frauen sich wohl fühlen, braucht Zeit. Da braucht es ein Engagement von Seiten der Firma, von den Chefs und von allen, die im Betrieb arbeiten», sagt Fischer. Sie habe in den Unternehmen, in denen sie gearbeitet habe, einiges verändern und viele gute Erfahrungen mitnehmen können, erzählt sie weiter. «Aber eben, man muss dranbleiben und sich behaupten» – und Glück haben, denn nicht alle Betriebe seien offen für solche Veränderungen. 

Katharina Riedl hat in ihrer Tätigkeit als Bauleiterin, bei der sie Arbeiten koordiniert und Mitarbeitende anweist, einen massgeblichen Einfluss auf die Arbeitskultur. Ihr Ziel ist, dass auf einer Baustelle alle gut zusammenarbeiten können – unabhängig von ihrer Herkunft oder ihrem Geschlecht. Dass ihr dies bei ihrer letzten Bauleitung zu grossen Teilen gelungen ist, freut Riedl. Sie erzählt, immer wieder habe sie das Feedback gehört: «Es ist so eine schöne Baustelle.»

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