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29.10.2026 von Roland Fischer

Jetzt gekauft, später bezahlt

Dinge heute zu kaufen und erst später zu zahlen, ist ­heute kinderleicht und entsprechend weit ­verbreitet. Möglich ­gemacht hat dies die Kreditkarte. Ihre Ge­schichte nahm vor knapp hundert Jahren ihren Lauf. Heute ist sie aus dem Alltag vieler nicht mehr weg­zudenken – und mit ihr die Frage: Hab ich Kredit? 

Artikel in Thema Schulden
Bild: Canva / Rido

Die ersten Kreditkarten trug man nicht im Portemonnaie herum, sie waren im Laden oder in der Beiz an die Wand gepinnt. Darauf wurde notiert, was man gerade nicht bezahlen konnte – es wurde «angeschrieben». Das Prinzip des «Buy now, pay later» ist also uralt – die Geschichte der Kreditkarten im engeren Sinn begann vor bald hundert Jahren mit sogenannten «charge plates». Das waren hundemarkeähnliche Metallplatten mit eingeprägten Angaben zur Kundin oder zum Kunden, ausgegeben von US-Kaufhäusern in den 1930er- bis in die 1950er-Jahre. Dank ihnen brauchte man nicht direkt zu bezahlen, es wurden an der Kasse einfach die Angaben auf den Plates durchgepaust, die Rechnung folgte später. 

Aus den USA in die Welt
1950 dann kam die erste übergreifende Kreditkarte, die nicht nur in spezifischen Geschäften angenommen wurde: Mit der Diners-Club-Karte konnten (meist gut situierte) Geschäftsleute ihren Business-Lunch auf die Karte buchen lassen – das Restaurant schickte die Rechnung an Diners Club, diese beglich sie und verrechnete den Kunden ein Monatstotal. Schon im ersten Betriebsjahr wuchs Diners Club von 10 000 Mitgliedern aus der New Yorker Geschäftswelt (sowie 28 Restaurants und zwei Hotels) auf mehr als 40 000 Mitglieder in einer Reihe grosser US-Städte an. Offenbar hatte man da ein Bedürfnis gekitzelt, zumal man in den USA Konsumkrediten gegenüber weniger voreingenommen war als zum Beispiel in Europa. 1958 starteten auch die grössten Banken des Landes, Bank of America und Chase Manhattan, eigene Kreditkartengeschäfte, wobei man lange geheim hielt, wie viel Geld mit den Karten zu verdienen war – man liess die Konkurrenz im Glauben, die Risiken seien zu gross. Aber je öfter Menschen mit Karten bezahlten, desto mehr Gebühren (die der Verkäufer trägt) wurden in die Kassen der Kreditkartenfirmen gespült. Die «BankAmericard» der Bank of America wurde 1976 zu Visa – ein Wort, das in fast jeder Sprache gleich klingt. Das Kreditkartengeschäft war längst über die USA hinausgewachsen. 


Es ging immer darum, eine ver­lässliche Art des «Anschreibens» zu finden, jenseits des überschau­baren Dorfgeschehens, wo man sich gegenseitig kannte.


Ausgeklügelte Bonitätssysteme
Letztlich sind Kreditkarten so etwas wie die Verdinglichung der simplen Frage: Hab ich Kredit? Es ging immer darum, eine verlässliche Art des «Anschreibens» zu finden, jenseits des überschaubaren Dorfgeschehens, wo man sich gegenseitig kannte. Und damit einhergehend: ein System, um die Kreditwürdigkeit einzuschätzen, wenn man die Kundin oder den Kunden, die oder der da um Kredit ersucht, eben nicht kennt. Vielleicht noch mehr als Transaktionswerkzeuge sind Kreditkarten deshalb ausgeklügelte Bonitätssysteme. Mit der allmählichen Verbreitung der Karten etablierten sich in den 1950er-Jahren die ersten Punktesysteme zur Bewertung der Kreditwürdigkeit: die «Kredit-Scores». Solche Scores bestimmen inzwischen nicht einfach, ob man eine Kreditkarte bekommt oder nicht, sie können dar­über hinaus alles Mögliche beeinflussen – Zinsen, die bei anderen Kreditarten wie Hypotheken, Autokrediten und Studienkrediten berechnet werden, aber auch die Chancen, eine Wohnung zu finden.

Leben ohne Kreditkartennummer? Unvorstellbar.
Die Kreditkarte steht auch für den Siegeszug des Konsumkredits – mehr und mehr wurde es für breite Bevölkerungsschichten ganz normal, Dinge «auf Pump» zu kaufen. Deshalb wurde das systematische und effiziente Durchleuchten der Kreditnehmer immer wichtiger, um Ausfälle zu minimieren. Und spätestens mit dem Siegeszug des Online-Handels haben wir uns in ge­wisser Weise von Plastikkarten abhängig gemacht, während sich die konkrete Karte immer mehr «auflöst». Ein Leben ohne Kreditkartennummer ist kaum mehr vorstellbar – wie soll man eine Reise buchen, ein Velo mieten, ein digitales Abo abschliessen ohne sie? Und Kreditkartenfirmen schielen auf immer neue Geschäftsfelder: Inzwischen beziehen vor allem ärmere Schichten nicht mehr nur ein Essen, eine Reise, diverse Alltags­produkte auf Kredit, sondern auch Behandlungen beim Arzt, Strom und Gas oder sogar die Kinderbetreuung. Die Frage also, ob man Kredit hat – oder ob eine Transaktion ohne weiteren Kommentar abgelehnt wird: Sie bestimmt bei immer mehr Menschen das gesamte Leben.

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