Das Landesmuseum Zürich zeigt zurzeit eine Ausstellung über die Schweiz als Bankenland. Kurator Christian Weiss erklärt, wie das Aufbewahren und Verleihen von Geld in der Schweiz zu einem prägenden Geschäft wurde.

Herr Weiss, was gab den Anstoss, eine Ausstellung über Banken zu machen?
Christian Weiss: Das Thema schwirrte bei uns schon lange herum, der Auslöser war dann die Übernahme der Credit Suisse im Jahr 2023. Es war uns allerdings rasch klar, dass wir nicht einfach eine Ausstellung zur aktuellen Krise machen, sondern einen grösseren Bogen spannen wollten.
Was musste auch noch rein?
Banken sind ja offensichtlich kein rein ökonomisches Thema, sie haben mit der Schweizer Identität zu tun. Wir wollten das also nicht einfach vom Tagesgeschehen her erzählen, sondern auch kulturhistorisch. Man denke nur an die ewigen Kontroversen um das Bankgeheimnis.
Um die Banken heute zu verstehen, lohnt sich ein Ausflug in die Banken-Prähistorie. Sie schreiben: Schon lange bevor es offizielle Banken gab, spielten Geld, Kredit und Vertrauen eine zentrale Rolle im Alltag. Wir interessieren uns hier speziell für Kredite, wo bekam man die?
Da waren im Laufe der Geschichte verschiedenste Akteure im Spiel. Im Mittelalter zum Beispiel galt lange ein striktes Wucher- beziehungsweise Zinsverbot, deshalb war das Kreditwesen ein risikobeladenes Geschäft ohne viel Profit. Man überliess es weitestgehend den Juden. Wo die Verbote lockerer waren, gingen aber auch immer andere Gruppen ins Kreditgeschäft: Die Lombarden und generell die Norditaliener waren traditionell im Geldgeschäft tätig.
Das scheint ja historisch ohnehin eine Konstante zu sein: Kredit hat immer mit Zins zu tun, gleichzeitig gab es immer wieder Zinsverbote.
Ja, an dem Widerspruch zeigt sich exemplarisch die Problematik jüdischer Geldverleiher, die ein Gewerbe ausübten, das wichtig für die Wirtschaft und gleichzeitig stigmatisiert war. Als dann die Pestwelle durch Europa geht, werden die Juden bezichtigt, daran schuld zu sein. Und die Obrigkeiten tun wenig, um die jüdischen Bevölkerungsteile wirksam zu schützen.
Womöglich weil sie ebenfalls bei ihnen verschuldet waren und sich auf diese Weise von der finanziellen Last befreien konnten?
Da bleibt historisch vieles implizit, schriftliche Beweise haben wir nicht. Aber tatsächlich passieren im Zuge der Pogrome richtiggehende Umverteilungen: Man sieht, dass ehemalige Schuldner plötzlich Inhaber von Immobilien geworden sind.
Welche Rolle spielte der Staat im Zusammenhang mit dem florierenden und kontroversen Kreditgeschäft?
Es war immer ein Pendeln zwischen Verbot, Regulierung und direkter Beteiligung am Geschäft. Verschuldung der Bevölkerung wurde immer wieder als gesellschaftliches Problem erkannt, da versuchte man dann ausgleichend einzugreifen. Am Ende des Mittelalters wird dann das Kreditgeschäft verstaatlicht, es etablieren sich die sogenannten Stadtwechsel.
Wechsel?
Ja, deren erste Aufgabe ist tatsächlich die einer Wechselstube, in der Reisende ihr Geld in die lokale Währung wechseln können. Aber genau in diesen Stuben etabliert sich auch ein Geschäft mit Kleinkrediten. Sie sind also in gewisser Weise die Vorläufer der Banken. So finden die verschiedenen Bankgeschäfte immer mehr zusammen: Geld wechseln, Geld leihen, Vermögen verwalten und sicher aufbewahren. Vorher hat man sein Geld oft einfach im Boden vergraben, niemand wäre auf die Idee gekommen, es einer Bank anzuvertrauen.
Schauen wir noch auf die andere Seite, die der Schuldner: Wer nahm denn Kredite in Anspruch?
Da haben wir nur ein lückenhaftes Bild. Je weniger spektakulär ein Kreditgeschäft war, desto weniger deutlich sehen wir es in den historischen Quellen. Es kann also gut sein, dass Kleinkreditnehmer zu wenig sichtbar sind in der Forschung und wir vor allem die grossen Geschäfte mit Fürstenhäusern oder mächtigen Firmen betrachten. Aber eines ist klar: Dass man einen Kredit für sich selbst aufnimmt, ist bis ins 20. Jahrhundert hinein sehr ungewöhnlich.