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26.02.2026 von Roland Fischer

Ein unentdeckter Planet

In Kleinbasel dreht seit bald 20 Jahren ein kleiner Himmelskörper seine Runden, abseits des öffentlichen Bewusstseins, aber mit umso grösserer Bedeutung für diejenigen, die sich dort einfinden: Der Planet13 bietet Zugang zu digitalen Räumen für alle.

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Foto: © Christoph Merian Stiftung / Julian Salinas

Manche nennen es «Digital Divide»: ein Graben, der kaum wahrnehmbar mitten durch die Gesellschaft läuft. Offen zutage tritt er zum Beispiel im Planet13, einem, wie es im Selbstbeschrieb heisst, «Internetcafé» an der Klybeckstrasse mitten im Kleinbasler Trubel. Ein Internetcafé, im Jahr 2026? Ist da etwa ein Projekt ein wenig in der Vergangenheit steckengeblieben – gibt es, braucht es das überhaupt noch, Internetcafés?

Und wie es das noch braucht. Bei einem Besuch an einem winterlichen Dienstagabend wird rasch deutlich weshalb – bloss vielleicht nicht ganz so wie man es erwarten würde. Denn um diese Uhrzeit ist der Planet13 ein Schulzimmer: Einsteigerkurs PC-Kenntnisse, 19 bis 21 Uhr. Gut 15 Menschen haben sich eingefunden, bestimmt zehn verschiedene Nationalitäten, es geht ziemlich unruhig (beziehungsweise lebendig, je nach kultureller Perspektive) zu und her. Nicht alle sind so pünktlich wie es dem Kursleiter Christoph Ditzler, einem der Mitgründer des Projekts, passen würde, aber sein Murren hat ein bisschen zu wenig Autorität – Bakhet aus dem Sudan (hier duzen sich alle) wird wohl auch das nächste Mal zu spät kommen, er arbeitet bis sieben und kommt dann so rasch wie möglich rüber. Er wird seinem Chef kaum erklären, dass er früher Schluss machen sollte, wie es ihm Christoph aufträgt. Er habe gerade keinen eigenen Computer, erklärt Bakhet mir in der Pause, sein Sohn habe ihn kaputt gemacht. Also bleibt ihm nur das Handy als Zugang zur digitalen Welt. Aber Formulare ausfüllen, Dokumente oder Bewerbungen schreiben? Dafür bräuchte er einen Laptop, das ist auch Thema in der Pause, das Bedürfnis nach Hardware kommt von verschiedenen Seiten, aber der Planet13 hat gerade keine Geräte günstig abzugeben, das ist nicht Kernaufgabe. Natürlich vermittelt man durchaus gern alte PCs, die sonst nicht mehr gebraucht werden, das gehört zum pragmatischen Ansatz der Initiative. Helfen, wo Hilfe vonnöten ist.

Ausstellungsraum, Klubschule und «Uni von unten»
Überhaupt kann dieser Planet13 vieles sein, zum Beispiel auch eine «Uni von unten», es finden regelmässig Vorträge zu einer Vielzahl gesellschaftlich relevanter Themen statt. Oder ein Ausstellungsraum. Oder eben eine Klubschule, so wie heute, für ein kunterbuntes Durcheinander von Bedürfnissen. Auch Urs sitzt da, ein Schweizer Pensionär, der sich dankbar von der Nachbarin mit osteuropäischem Akzent helfen lässt und der sich seine Computer-Skills wohl auch gut in anderen Kursangeboten aneignen könnte. Für die meisten hier ist das nicht der Fall, in einer Ecke sitzen drei Frauen aus Afghanistan, die den Kurs vom Roten Kreuz empfohlen bekommen haben und die dankbar mitmachen, auch wenn sie alle wohl schon ein wenig zu viel Computerkönnen mitbringen. Muska zum Beispiel hat schon einmal als Reporterin für die BBC gearbeitet. Es sei in ihrem Land schon Usus gewesen, dass nur Männer Computer-Unterricht erhielten, die Frauen mussten sich das anders aneignen. Und auch als Flüchtlinge in der Schweiz bleiben für sie viele Türen erst einmal verschlossen. Das liege schlicht auch daran, dass so ein Computerkurs normalerweise ziemlich teuer sei, erklärte mir das Leitungsteam im Gespräch vorab. Insofern hat die Ungleichheit im Digitalen ihre Entsprechung durchaus in der realen Welt. Im Planet13 dagegen ist das Angebot so niederschwellig wie überhaupt möglich: Der Kurs ist gratis.

Und dann ist da noch Isabelle, die von sich sagt, sie sei eben «ein harter Brocken» was Computer angehe. Ihre digitale Wohlfühlzone höre beim Radiowecker auf. Sie zeigt auf den Monitor auf dem Tisch vor ihr und sagt, das hier dagegen «ist für mich ein Monster». Da geht es vielleicht eher um Scham als um Unterschiede der Herkunft, aber eine soziale Ausgrenzung spürt man auch hier. Im Planet13 werden keine Fragen nach den Hintergründen und Diskriminierungen gestellt, hier sollen sich «wirklich alle willkommen» fühlen, wie das Team betont. Die meisten Gäste hätten Erfahrungen damit gesammelt, von den Behörden schikaniert worden zu sein. Deshalb sei es umso mehr ein Anliegen, «lustvolle» Räume zu schaffen – auf dem 13. Planeten soll nicht nur gelernt und gearbeitet, hier soll auch gelacht werden.

Foto: © Christoph Merian Stiftung / Julian Salinas

Grosse Ungleichheit
Tatsächlich zeigte eine Studie unlängst, dass der digitale Raum wohl für viel mehr Menschen Unsicherheit und Stress bedeutet als man gemeinhin denkt. Fast jeder dritten Person in der Schweiz fehlen gemäss dem von der Mobiliar-Versicherung und der Stiftung Risiko-Dialog herausgegebenen DigitalBarometer 2024 grundlegende Kompetenzen, um im digitalen Alltag zurechtzukommen. Und was besonders besorgniserregend ist: Bei Menschen mit geringer Bildung, hohem Alter und tiefem Einkommen ist dieser Anteil noch weitaus höher. Im Vergleich zum Durchschnittswert von 31 Prozent finden sich unter den Personen der tiefsten Bildungsstufe fast doppelt so viele Betroffene (59 Prozent). Unter den über 75-Jährigen und unter den armutsgefährdeten- oder betroffenen Menschen sind es je 42 Prozent. Gemeinsam ist ihnen allen, dass es zunehmend schwerfällt, in einer immer stärker digitalisierten Welt zurechtzukommen: Tätigkeiten, die für die meisten von uns längst alltäglich sind (online einkaufen, Rechnungen per E-Banking begleichen, im Internet wichtige Informationen suchen) stellen für sie grosse Hürden dar, was rasch zu sozialer und wirtschaftlicher Ausgrenzung führt. Dieser im Wortlaut des Bundesamts für Statistik «digitalen Graben zweiten Grades» besteht auch dann, wenn Hardware, Handy-Abos und Verbindung zum Internet vorhanden sind. Diese Ungleichheit ist also nicht so einfach aus der Welt zu schaffen.

Dringend benötigte Hilfestellung im digitalen Alltag
Im Gespräch erklären die Initianten und Co-Geschäftsleiterinnen des Projekts, Avji Sirmoglu und Christoph Ditzler, wie sich der Planet13 weiterentwickelt hat: von den Ursprüngen als reiner Internet-Zugangspunkt hin zu einem eigentlichen Sozialprojekt, das von einer Vielzahl von Freiwilligen getragen wird. Wobei, ein sozialer Anstrich war natürlich immer vorhanden, dieser Planet war nie ein ganz gewöhnliches Internetcafé. «Weil wir damals offen sagten, dass es auch in der Schweiz Armut gibt, wurden wir von so manchen angefeindet», sagt Sirmoglu. Das immerhin hat sich etwas verschoben seit den Anfängen des Projekts im Jahr 2007. Offensichtlich auch verschoben hat sich die Art Weise, wie wir «ins Internet gehen». Damals gab es Internetcafés an gefühlt jeder Ecke und es war tatsächlich ein kleines Abenteuer, ins irgendwie noch fabelhafte Internet zu finden. Wenn man der Statistik glaubt, gibt es da heute kaum Hürden mehr: Der Anteil der Männer, die das Internet in den letzten drei Monaten verwendet haben, liegt in der Schweiz bei 98,2 Prozent. Bei den Frauen liegt der Wert bei 96,5 Prozent, fand das Bundesamt für Statistik für das Jahr 2024 heraus. Heute mag es immer noch so sein, Menschen, die in den Planet13 kommen, zunächst einmal froh ist, einen funktionierenden und gut gewarteten Computer, Drucker und so weiter vorzufinden. Er oder sie braucht aber ebenso oft Unterstützung bei den Aufgaben, die sich im digitalen Raum stellen. Denn was heisst das eigentlich konkret, «das Internet verwenden»? Im Kern ist der Planet13 längst eine soziale Einrichtung: Die wichtigste Aufgabe ist heute, Hilfestellung im digitalen Alltag zu geben. Deshalb sind immer auch Menschen mit Digitalkompetenzen vor Ort und helfen, wo es unübersichtlich wird, sei es sprachlich oder technisch. Und der Planet13 deckt damit offenbar ein Bedürfnis ab, monatlich wird er ungefähr von 2500 Menschen frequentiert.

Gesuchtes und geschätztes Erfahrungswissen
Institutionalisiert hat sich der Betrieb noch lange nicht, vor allem die Finanzierung ist ein ewiger Kampf. Das wirkt sich natürlich auch auf die Sichtbarkeit aus: Der Planet13 zieht weiterhin ganz draussen im Basler System seine Bahnen. Aber das passt den Macherinnen und Machern ganz gut. Es brauche noch viel mehr solche freien Orte, sagt Avji Sirmoglu. Sie glaubt, dass es eben die Nische sei, die den Planet13 so besonders mache – und den armutsbetroffenen und armutsgefährdeten Menschen ganz besonders entgegenkommt. Es geht ihnen «auch um Widerstand», ums Aufzeigen gesellschaftlicher Alternativen. Und darum, den Menschen zu zeigen, «wie sie autonom werden können». Sie verstehen es als Arbeit an den gesellschaftlichen Strukturen: «Planet13 ist auch so etwas wie eine Wohnstube. Hier soll man Kaffee trinken und auch mal ein wenig streiten und sich wieder versöhnen können.» Für Christoph Ditzler ist das Teil der Planet13-Utopie: Dass sich hier Menschen mit sehr unterschiedlichen Hintergründen begegnen und «sich für andere Kulturen zu interessieren beginnen». Und dass dann der eine oder die andere auch ein wenig ins Nachdenken kommt: «Es kann ja nicht sein, dass du einfach mein Feind bist.»

Und immerhin, das Erfahrungswissen, das sich hier angesammelt hat, wird inzwischen auch geschätzt und gesucht. Vor bald einem Jahr hätten sie dem Verein GGG Basel mitgeholfen, die Webseite www.sozialesbasel.ch auf Zugänglichkeit zu prüfen und Verbesserungen einzubringen. «Wichtig war, dass diejenigen Menschen die Webseite verstehen, die sie auch brauchen – nicht nur diejenigen, die sie konzipiert haben», sagt Christoph. Digitale Tools sollten nicht nur für die funktionieren, die sie programmieren. Es ist eine der ersten Lektionen, die Interaction Designer im Studium zu hören bekommen. Ein Besuch auf ferneren Planeten sollte da vielleicht ebenfalls Pflichtstoff werden, zur Umsetzung in die Praxis.

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