Warum gibt es eigentlich noch Zugklassen, warum unterschiedliche Preiskategorien im Theater? Über all die unscheinbaren Ungleichheitssysteme, die unseren Alltag prägen – und unsere Gesellschaft eben doch klar sortieren.
Manche nennen es «Digital Divide»: ein Graben, der kaum wahrnehmbar mitten durch die Gesellschaft läuft. Offen zutage tritt er zum Beispiel im Planet13, einem, wie es im Selbstbeschrieb heisst, «Internetcafé» an der Klybeckstrasse mitten im Kleinbasler Trubel. Ein Internetcafé, im Jahr 2026? Ist da etwa ein Projekt ein wenig in der Vergangenheit steckengeblieben – gibt es, braucht es das überhaupt noch, Internetcafés?
Und wie es das noch braucht. Bei einem Besuch an einem winterlichen Dienstagabend wird rasch deutlich weshalb – bloss vielleicht nicht ganz so wie man es erwarten würde. Denn um diese Uhrzeit ist der Planet13 ein Schulzimmer: Einsteigerkurs PC-Kenntnisse, 19 bis 21 Uhr. Gut 15 Menschen haben sich eingefunden, bestimmt zehn verschiedene Nationalitäten, es geht ziemlich unruhig (beziehungsweise lebendig, je nach kultureller Perspektive) zu und her. Nicht alle sind so pünktlich wie es dem Kursleiter Christoph Ditzler, einem der Mitgründer des Projekts, passen würde, aber sein Murren hat ein bisschen zu wenig Autorität – Bakhet aus dem Sudan (hier duzen sich alle) wird wohl auch das nächste Mal zu spät kommen, er arbeitet bis sieben und kommt dann so rasch wie möglich rüber. Er wird seinem Chef kaum erklären, dass er früher Schluss machen sollte, wie es ihm Christoph aufträgt. Er habe gerade keinen eigenen Computer, erklärt Bakhet mir in der Pause, sein Sohn habe ihn kaputt gemacht. Also bleibt ihm nur das Handy als Zugang zur digitalen Welt. Aber Formulare ausfüllen, Dokumente oder Bewerbungen schreiben? Dafür bräuchte er einen Laptop, das ist auch Thema in der Pause, das Bedürfnis nach Hardware kommt von verschiedenen Seiten, aber der Planet13 hat gerade keine Geräte günstig abzugeben, das ist nicht Kernaufgabe. Natürlich vermittelt man durchaus gern alte PCs, die sonst nicht mehr gebraucht werden, das gehört zum pragmatischen Ansatz der Initiative. Helfen, wo Hilfe vonnöten ist.
Ausstellungsraum, Klubschule und «Uni von unten»
Überhaupt kann dieser Planet13 vieles sein, zum Beispiel auch eine «Uni von unten», es finden regelmässig Vorträge zu einer Vielzahl gesellschaftlich relevanter Themen statt. Oder ein Ausstellungsraum. Oder eben eine Klubschule, so wie heute, für ein kunterbuntes Durcheinander von Bedürfnissen. Auch Urs sitzt da, ein Schweizer Pensionär, der sich dankbar von der Nachbarin mit osteuropäischem Akzent helfen lässt und der sich seine Computer-Skills wohl auch gut in anderen Kursangeboten aneignen könnte. Für die meisten hier ist das nicht der Fall, in einer Ecke sitzen drei Frauen aus Afghanistan, die den Kurs vom Roten Kreuz empfohlen bekommen haben und die dankbar mitmachen, auch wenn sie alle wohl schon ein wenig zu viel Computerkönnen mitbringen. Muska zum Beispiel hat schon einmal als Reporterin für die BBC gearbeitet. Es sei in ihrem Land schon Usus gewesen, dass nur Männer Computer-Unterricht erhielten, die Frauen mussten sich das anders aneignen. Und auch als Flüchtlinge in der Schweiz bleiben für sie viele Türen erst einmal verschlossen. Das liege schlicht auch daran, dass so ein Computerkurs normalerweise ziemlich teuer sei, erklärte mir das Leitungsteam im Gespräch vorab. Insofern hat die Ungleichheit im Digitalen ihre Entsprechung durchaus in der realen Welt. Im Planet13 dagegen ist das Angebot so niederschwellig wie überhaupt möglich: Der Kurs ist gratis.
Und dann ist da noch Isabelle, die von sich sagt, sie sei eben «ein harter Brocken» was Computer angehe. Ihre digitale Wohlfühlzone höre beim Radiowecker auf. Sie zeigt auf den Monitor auf dem Tisch vor ihr und sagt, das hier dagegen «ist für mich ein Monster». Da geht es vielleicht eher um Scham als um Unterschiede der Herkunft, aber eine soziale Ausgrenzung spürt man auch hier. Im Planet13 werden keine Fragen nach den Hintergründen und Diskriminierungen gestellt, hier sollen sich «wirklich alle willkommen» fühlen, wie das Team betont. Die meisten Gäste hätten Erfahrungen damit gesammelt, von den Behörden schikaniert worden zu sein. Deshalb sei es umso mehr ein Anliegen, «lustvolle» Räume zu schaffen – auf dem 13. Planeten soll nicht nur gelernt und gearbeitet, hier soll auch gelacht werden.


