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26.02.2026 von Roland Fischer

Klassenlose Gesellschaft?

Warum gibt es eigentlich noch Zugklassen, warum unterschiedliche Preiskategorien im Theater? Über all die unscheinbaren Ungleichheitssysteme, die unseren Alltag prägen – und unsere Gesellschaft eben doch klar sortieren. 

Artikel in Thema Ungleichheit
Illustration: Claudine Etter

Es war der schöne Traum des Marxismus: eine Gesellschaft ohne soziale Klassen. Konkrete Realität ist diese Gesellschaft nirgends geworden, nicht in der Sowjetunion, nicht in Kuba, schon gar nicht in China. Und bei uns gibt es zwar keine ständische Gesellschaft mit rigiden Schubladen mehr, in die man hineingeboren wird wie in eine Kaste in Indien, aber Ungleichheitssysteme, die für Distinktion und Einordnung sorgen, gibt es dennoch – oder vielleicht gerade deswegen? – überall. Seien es die Klassen im Zug oder im Flugzeug, seien es Preiskategorien im Theater oder im Fussballstadion – überall wird man in «Klassen» sortiert, sobald man zur Kasse gebeten wird. Bloss das Brot, der Laptop, der Coiffeurbesuch kosten noch für alle dasselbe. Oder?

Abbild des sozialen Gefälles
Gerade die Wagenklassen in den Zügen erzählen eine interessante Geschichte: Zu Beginn der Eisenbahn ging es bei der Bereitstellung von Wagen mit unterschiedlichem Komfort durchaus nicht um ökonomische Erwägungen, es ging um soziale Notwendigkeiten. Die Einteilung in Klassen war in der hierarchisch geordneten Gesellschaft des 19. Jahrhunderts schlicht selbstverständlich. Um das soziale Gefälle richtig abzubilden, hatte man es da anfangs nicht mit einer Zwei-, sondern mit einer Vierklassengesellschaft zu tun. Die billigen Plätze trugen interessanterweise durchwegs mehr zum Betriebsergebnis bei, sie sorgten jeweils für 80 bis 90 Prozent der Einnahmen. Zur Jahrhundertwende, mit dem Aufkommen des Autos und der schwindenden Bedeutung sozialer Hierarchien, nahm die Nachfrage vor allem nach der 1. Klasse immer weiter ab. Gleichzeitig begannen die Eisenbahngesellschaften zu rechnen und sahen die 4. Klasse als zu billig an. So kam es bald zu einer Bereinigung: Mitte des 20. Jahrhunderts beschloss die Europäische Reisezugfahrplankonferenz, mit dem Beginn des Sommerfahrplans 1956 das Zweiklassensystem einzuführen, als europäischen Standard. Nur in Portugal, Spanien, Italien, Griechenland und der Türkei blieb das alte Dreiklassensystem noch einige Jahre erhalten. Die Geschichte sollte sich unlängst wieder umkehren, mit dem Aufkommen des Hochgeschwindigkeitsverkehrs kam das Dreiklassensystem wieder zurück, im italienischen Frecciarossa gibt es sogar ein Vierklassensystem.

Wer mehr hat, bezahlt auch gern etwas mehr
Diese Art der Abstufung kennt man ja bereits gut von Flugreisen – die Betriebswirtschaftslehre nennt diese unterschiedliche Bepreisung einer im Grunde analogen Leistung (Reise von A nach B) «Preisdifferenzierung» beziehungsweise «Produktdifferenzierung», selbiges kennt man zum Beispiel auch aus dem Shampoo-Regal – salopp könnte man sagen: Wer mehr hat, zahlt auch gern etwas mehr. Dass die Klassen in den Hochgeschwindigkeitszügen ähnlich heissen wie im Flugverkehr («Business» bzw. «Executive»), betont wiederum den Charakter der – nunmehr implizit gewordenen, aber deshalb nicht weniger spürbaren – Klassengesellschaft: Man bleibt in gewissen Kreisen nun einmal gern unter sich.

Wer subventioniert hier wen?
Dasselbe Prinzip gibt es in der Oper und im Fussballstadion: unterschiedliche Preiskategorien für unterschiedlich privilegierte Services. In der Opernloge gibt es gepolsterte Sessel und beste Sicht, auf den VIP-Plätzen im Stadion direkten Zugang zur Gastronomie und eventuell auch noch ein Meet-and-Greet. Umgekehrt sind in vielen Opernhäusern die billigsten Plätze so weit oben oder hinten, dass die Sicht auf die Bühne arg eingeschränkt ist – das fühlt sich dann ähnlich an, wie sich früher die vierte Bahnklasse angefühlt haben muss, die fast nur Stehplätze bot und damit wohl ein eher unangenehmes Reiseerlebnis. Wirtschaftsliberal (und durchaus auch ein wenig von oben herab) argumentiert, ist das ein Entgegenkommen den weniger Vermögenden gegenüber: Durch die Produktdifferenzierung kommen auch Menschen ohne viel Geld in den Genuss von elitärer Musik oder einer (im Prinzip luxuriösen) Zugfahrt. Klassen wären so betrachtet also eine demokratische Einrichtung, die ärmeren (oder sparsamen) Menschen zugutekommt. Die simple Rechnung aus dieser Perspektive: Würde man die erste Klasse abschaffen, würden sich für die zweite die Preise erhöhen.
Das sieht die unlängst lancierte Schweizer Petition «Klassen im ÖV abschaffen – Erstklassiger ÖV für alle!» allerdings komplett anders: «Alle, die in Stosszeiten im ÖV unterwegs sind, werden Zeug*innen derselben Absurdität: In der 2. Klasse drängen sich Menschen wie in einer Sardinenbüchse dicht an dicht, Sitzplätze sind Mangelware. Nur eine Glastür weiter: gähnende Leere in der 1. Klasse.» Dabei subventioniere die 2. Klasse sogar die 1. Klasse, wie die Petition argumentiert. Gemäss einem SBB-internen Dokument würden pro Nutzfläche in der 2. Klasse 1,7 mal mehr Erlöse generiert als in der 1. Klasse. Was stimmt denn nun? Es wird wohl letztlich an der Frage hängen, wie viele Wagen man überhaupt an einen Zug hängen kann.

Dynamische Preise, unfaire Preise?
Und wie war das noch einmal mit dem Brot oder dem Laptop? Auch da gerät unlängst nämlich einiges ins Rutschen, Stichwort Dynamic Pricing. Auch hier ist der Blick in die Geschichte spannend: In vormodernen Zeiten war das «Dynamische» Standard, Preise für Konsumgüter fanden sich durch Verhandlungen (oder «Feilschen» zwischen Käufern und Verkäufern. Erst ab den 1870er-Jahren begannen Verkäufer, Preisschilder an Konsumgütern anzubringen – nun erst galt: ein Produkt, ein Preis. Dass sich das heute vor allem im digitalen Raum wieder verflüssigt, kommt bei den Konsumierenden allerdings nicht gut an – meist empfindet man solche «dynamisch» an Angebot und Nachfrage angepasste Preissysteme als unfair. Aber auch da wieder: Haben wir uns im Kontext von Easyjet und Konsorten nicht längst an solche Systeme gewöhnt? Und müsste uns das eigentlich noch viel saurer aufstossen? Teurere Easyjet-Plätze bieten ja nicht einmal einen besseren Komfort oder Service, hier geht es allein um das Glück des Frühbuchers beziehungsweise das Pech des Spontanreisenden.

Bald Preisbestimmung durch Überwachung?
Zum eigentlichen Albtraum könnte sich Dynamic Pricing aber entwickeln, wenn es die Möglichkeiten des Digitalen wirklich auszuschöpfen beginnt: Man nennt das dann Surveillance Pricing, also Preisgestaltung durch Überwachung. Bei dieser Form dynamischer Preisgestaltung werden auch die persönlichen Daten der Verbraucherinnen und Verbraucher mit einbezogen. Wichtig können dabei Standort, demografische Daten, Surfverhalten oder finanzielle Verhältnisse sein. Kehren hier etwa der Basar und das Feilschen zurück? In manchen Ländern ist es ja nach wie vor üblich, den Preis einer Ware nach der (erwarteten) Dicke des Portemonnaies zu bemessen. Sieht ein Kunde in einer Bar in Palermo nach gut betuchtem Touristen aus, wird er den Kaffee bestimmt nicht so günstig wie ein Einheimischer bekommen. Finden wir das nun unfair oder irgendwie berechtigt, zum Schutz der lokalen Community? Könnte Dynamic Pricing also eine Möglichkeit zur fairen «Besteuerung» via Preispolitik sein? Dinge explizit höher zu bepreisen für diejenigen, die auch mehr zu zahlen bereit sind: Wenn der Algorithmus errechnet hat, dass man für den neuen Laptop auch ein wenig mehr zu bezahlen bereit ist, geht der Preis automatisch nach oben. Und wenn man notorisch knapp bei Kasse ist, bekommt man entsprechend tiefere Preise angezeigt. Im Laden könnte dasselbe ein leistungsfähiges Gesichtserkennungssystem bieten. Für die Verkäufer könnte sich ein solches System durchaus lohnen, betriebswirtschaftlich. Die Zeche würden dann wohl die vulnerabelsten Verbraucherinnen und Verbraucher zahlen. So war es in der digitalen Extraktionswirtschaft, wo unsere Daten zu den ausgebeuteten Ressourcen werden, bisher immer der Fall. Und es sieht nicht danach aus, als hätten die Leithengste im Silicon Valley Lust, an den etablierten (Macht)Verhältnissen irgendetwas zu ändern. Das pure Gegenteil einer klassen­losen Gesellschaft wäre so ein wirtschaftsliberaler Basar natürlich sowieso. 

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