moneta: Annelise Oeschger, Sie schaffen Verbindungen zwischen Armutsbetroffenen und Personen aus Politik, Lehre, Zivilgesellschaft. Was erleben Sie dabei?
Annelise Oeschger Durch die direkten Begegnungen mit Betroffenen verstehen viele: Das sind ja Menschen wie wir! Viele sind auch überrascht, wenn sie realisieren, dass armutsbetroffene Menschen nicht weniger intelligent sind als sie selber.
Warum sind Menschen in der Schweiz überhaupt arm?
Es gibt neben bestimmten Lebensumständen auch Langzeitfaktoren. Armut betrifft oft mehrere Generationen.
Armut wird weitergegeben?
Wir sagen: Sie besteht weiter. Denn es sind nicht einfach die Eltern, die dafür verantwortlich sind. Auch die Behörden verfestigen Armut. Viele behördliche «Lösungen» sind dieselben wie immer schon, und sie haben noch nie funktioniert. Auch die Gesellschaft ist mitverantwortlich. In der Schule beispielsweise hören betroffene Kinder heute noch, aus ihnen würde nie etwas. Das prägt.
Wie verfestigen Behörden Armut?
Nehmen wir das Beispiel einer Familie, die auf Sozialhilfe angewiesen ist. Kinder solcher Familien begeben sich oft in Niedriglohn-Berufe. Manche werden sogar gezwungen, eine entsprechende Ausbildung zu machen.
Zwang, in der heutigen Zeit?
Diesen Jugendlichen stehen oft nur bestimmte Berufe zur Auswahl. Eine junge Frau etwa wollte in die Pflege. Aber sie musste eine Lehre in einem anderen Beruf antreten, die nur zwei Jahre dauert. In Arbeit gedrängt zu werden, anstatt eine gute Ausbildung machen zu können, ist ein wichtiger Grund für weiterbestehende Armut. Sie war übrigens fremdplatziert, wie schon ihre Eltern.
Sind Nachkommen von Betroffenen fürsorgerischer Zwangsmassnahmen stärker armutsgefährdet?
Wir haben keine Zahlen, aber viele, mit denen wir für eine Studie zusammengearbeitet haben, sagten, ihre Nachkommen lebten ebenfalls in Armut. Die Zwangsmassnahmen wirken nach, auch ökonomisch und bis in die Gegenwart.
Sie erwähnten zuvor, dass auch besondere Lebensumstände zu Armut führen können.
Ja, Scheidungen und Krankheit. Auch Schulden, etwa wenn jemand in einer Krise die Steuern nicht mehr bezahlen kann.
Welche Erfahrungen machen Menschen, die erstmals mit den Sozialbehörden in Kontakt kommen?
Viele erleben Entwürdigungen und Demütigungen. Man traut ihnen oft nichts zu, intellektuell und beruflich schon gar nicht. Es ist verrückt, wie Menschen dort fertiggemacht werden können. Es kann schnell passieren, dass sie von da an nicht mehr aus der Abhängigkeit herausfinden, weil innert kürzester Zeit so viel Menschliches kaputtgeht. Nicht umsonst trägt unsere Studie den Untertitel «eine Gewalterfahrung, die weitergeht».
Im Bericht von ATD Vierte Welt steht, hierzulande seien «die Rechte nicht für Menschen in Armut gemacht». Was bedeutet das?
Unsere Gesetze werden gänzlich ohne Beteiligung von Armutsbetroffenen gemacht, Bestimmungen in Unkenntnis ihrer Anstrengungen erlassen. Ein Beispiel sind die Kürzungen bei Langzeitbezügern von Sozialhilfe. Solche Gesetzesänderungen verkennen die Realität völlig.
Die Meinung, Armutsbetroffene seien selber schuld, hält sich hartnäckig. Man spricht ihnen Selbstverantwortung ab.
Viele meinen auch, Armutsbetroffene würden nicht gern arbeiten und mitgestalten. Diese Vorurteile zeugen von Unkenntnis der Menschen und ihrer Ressourcen. So werden eigene Initiativen oft unterbunden.
Wird hierzulande Armut oder werden Armutsbetroffene bekämpft?
Eine Betroffene sagt es so: Wenn der Staat die Armut bekämpft, bekämpft er auch uns. Und wie will man Armut überhaupt «bekämpfen»? Sie ist ja etwas, das von der Gesellschaft produziert und kultiviert wird, und nicht etwas, das es einfach gibt. Wir könnten in einem Land leben, in dem Krankheit und Arbeitsplatzverlust kein existenzielles Risiko darstellten. Wer zu einer Sozialbehörde ginge, würde dort mit einer zugewandten Person schauen, was es braucht, um auf stabilem Boden zu stehen. Es könnte so einfach sein, stünden wir als Gesellschaft zusammen und würden den Behörden die entsprechenden Mittel zugestehen.